Ein Treppenhaus für alle Töne

Wie Romeo einst unterm Fenster um die Gunst seiner Julia buhlte, so werben nun Gesangsstudierende mit Ständchen um die Aufmerksamkeit des Publikums: Beim Musikfestival «Szenenwechsel» machen sie das Treppenhaus zu ihrer Bühne.

Probe Musikfestival Szenenwechsel (Bild: Ingo Höhn)

Das Foyer des Hochschulgebäudes mit seinen sechs Stockwerken und den balkonartigen Absätzen erinnert an die Akustik einer Kathedrale – und dient den Studierenden als Bühne.

«Ein merkwürdiger Erdteil, in weisse Tücher gewickelt, rollt die gewundene Treppe eines Hauses hinunter». Immer und immer wieder wiederholt Anna Juniki diesen Satz. Die Gesangsstudentin probt gemeinsam mit ihrem Dozenten Hans-Jürg Rickenbacher Töne, Aussprache und Atmung, damit beim Auftritt in wenigen Tagen alles perfekt sitzt. Ob der erwähnte «Erdteil» für einen konkreten Gegenstand oder ein Gefühl steht, das wusste wohl nur die Künstlerin Meret Oppenheim (1913-1985), von der dieser surrealistische Text stammt. Anna Juniki jedenfalls weiss eines ganz genau: Mit ihrer hellen Sopranstimme möchte sie faszinieren und Bilder im Kopf ihrer Zuhörerinnen und Zuhörer erzeugen. Sinnigerweise werden diese das Konzert selbst auf den Stufen einer Treppe erleben – während des Festivals «Szenenwechsel» der Hochschule Luzern.

Anna Juniki singt «Ein merkwürdiger Erdteil», begleitet von Flötistin Julia Palac. Aus «…und die Nacht ist pailletenübersät». Musik: Katrin Frauchiger, Sängerin, Komponistin und Dozentin. Text: Meret Oppenheim.

Wie eine Kathedrale

Ein Treppenhaus als Bühne ist nicht nur ungewöhnlich, sondern auch ein lang gehegter Wunsch von Hans-Jürg Rickenbacher. Das Foyer des Hochschulgebäudes mit seinen sechs Stockwerken und den balkonartigen Absätzen würde ihn an eine Kathedrale erinnern, meint der Dozent. «Die Akustik ist fantastisch. Weil es so offen ist, hört man auch aus weiter Entfernung praktisch jeden Ton.» Gemeinsam mit 20 Studierenden hat Rickenbacher das Programm «Balkonszenen grenzenlos» entwickelt: Mit Serenaden, Ständchen und Liebesliedern aus fünf Jahrhunderten wollen die angehenden Gesangsprofis das Publikum von verschiedenen Ecken und Winkeln aus «bezirzen». Sie singen auf Englisch, Spanisch, Deutsch und Französisch, begleitet von Gitarre, Akkordeon, Harfe oder Flöte. Rickenbacher weiss: «Ob im Konzertsaal oder im Treppenhaus, ob laute oder leise Töne, ob einzeln oder im Chor – für jeden Auftritt braucht es Mut.»

Das kann Anna Juniki bestätigen. Die 27-Jährige kam für das Gesangsstudium vor zwei Jahren aus Ungarn nach Luzern und hat nun einen herausfordernden Auftritt vor sich: «Die beiden ‹Oppenheim-Lieder›, die ich singen werde, wurden von unserer Dozentin Katrin Frauchiger komponiert. Diese Stücke sind sehr modern. Die anderen Stücke von Haydn hingegen sind klassisch. Zudem würde man letztere normalerweise mit Klavierbegleitung singen. Entsprechend aufgeregt bin ich.» Doch jede Gelegenheit, ihr Können unter Beweis zu stellen, bringe sie ihrem Traum näher, Sängerin zu werden, so Juniki.

Probe Musikfestival Szenenwechsel (Bild: Ingo Höhn)
Mehrstimmige Balkonmusik von Studierenden und Dozent Hans-Jürg Rickenbacher.
Probe Musikfestival Szenenwechsel (Bild: Ingo Höhn)
Das ganze Treppenhaus wird zur Bühne.
Probe Musikfestival Szenenwechsel (Bild: Ingo Höhn)
Wollen Emotionen vermitteln: Gesangsstudentin Samantha Herzog und Gitarristin Nadine Schmidt.
Probe Musikfestival Szenenwechsel (Bild: Ingo Höhn)
Grosse Gesten: Dozent Hans-Jürg Rickenbacher mit Gesangsstudentin Anna Juniki und Akkordeonistin Gwendolyn Waber.
Probe Musikfestival Szenenwechsel (Bild: Ingo Höhn)
Haben Spass beim Ständchen geben: die beiden Studenten Simon Haldemann (Bariton) und Alessandro Frei an der Gitarre.

Liebe, Schmerz und Leidenschaft

Das Feuer für die Musik lodert auch in Samantha Herzog: Die 25-jährige Masterstudentin aus St. Gallen trägt fünf Lieder des andalusischen Dramatikers Federico García Lorca (1898-1936) vor – zusammen mit einer Kommilitonin, die gleichzeitig eine enge Freundin ist, an der Gitarre. Dass sie ein eingespieltes Team sind, helfe natürlich bei der Vorbereitung, sagt Herzog. Sie muss sich für ihren Auftritt nicht nur einen fremdsprachigen Text aneignen, sondern vor allem auch eine besondere Ausdrucksstärke: «Die Lieder handeln von grossem Schmerz, Sehnsucht und Liebe. Das Vermitteln dieser Emotionalität, die geradezu herausbrechen will, ist sicher die grösste Herausforderung.» Sie selbst kennt solch’ romantische Szenen wie die meisten auch nur aus der Literatur, dem Theater oder Filmen. «Es ist natürlich wahnsinnig mutig, wenn jemand seine Liebe unter einem Fenster oder einem Balkon stehend vor aller Welt kundtut.»

Der Balkon sei heutzutage aber nicht nur ein etwas altertümlich-klischeehaftes Symbol fürs Umwerben einer angebeteten Person, sagt Dozent Rickenbacher: «Er ist während der Pandemie für viele Menschen ein Ort zur Kontaktaufnahme mit ihrem Umfeld geworden, sicher auch als Alternative zu digitalen Formaten.» Auf solche echten Begegnungen mit ihrem Publikum freuen sich nun alle Studierenden, die beim viertägigen Festival «Szenenwechsel» auftreten – sei es in einem Konzertsaal oder irgendwo im Treppenhaus.

Samantha Herzog singt Lieder von Federico García Lorca, begleitet von Gitarristin Nadine Schmidt.

Einen weiteren Beitrag zum Festival «Szenenwechsel» gibt es auf dem Musik-Blog «Tones ’n› Tunes».

Szenenwechsel 2022: Grenzenlos

Ob Berliner Mauerfall oder Wiederöffnung nach dem Corona-Lockdown – wenn physische Grenzen überwunden oder aufgehoben werden, ist das meist öffentlichkeitswirksam. Das Überwinden von inneren Barrieren hingegen geschieht meist im Verborgenen und kontinuierliche Annäherungen werden im Kleinen vollzogen. Dass dies auch in der Musik oft passiert, zeigt das HSLU-Musikfestival «Szenenwechsel 2022». Etwa beim gemeinsamen Konzert des Luzerner Sinfonieorchesters und der Jungen Philharmonie Zentralschweiz im KKL Luzern. Dort treffen mit dem funkelnden Impressionismus des polnischen Komponisten Karol Szymanowski und der modernen sinfonischen Reflexion des türkischen Komponisten und Bürgerrechtsaktivisten Fazıl Say zwei Zugangsweisen zur europäischen Sinfonietradition aufeinander.
Weitere Festival-Highlights sind u.a. der Auftritt des italienischen Musikers Simone Bottasso zusammen mit Volksmusik-, Jazz- und Klassikstudierenden im Konzertsaal «Salquin» oder das Konzert der HSLU-Big-Band im KKL Luzern mit der US-Amerikanerin Genevieve Artadi.
Daneben verbindet das Festival auch Konzerte mit aktuellen Gesellschaftsfragen: So setzen sich Studierende und externe Musiker/innen für eine Live-Soundcollage mit Migration und Zugehörigkeit auseinander. Forschende greifen diese Themen in einer anschliessenden Podiumsdiskussion auf.
Das Festival findet vom 27. bis 30. Januar 2022 statt. Mit Ausnahme des Sinfoniekonzerts und des Big-Band-Konzerts im KKL Luzern ist der Eintritt frei. hslu.ch/szenenwechsel

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