Von der Bananenstaude zum Teppich

Bananenstauden landen nach der Ernte oft im Abfall. Textildesignerin Tina Moor von der Hochschule Luzern hat sich gemeinsam mit einem internationalen Forschungsteam auf die Suche nach neuen Verarbeitungstechniken gemacht, um dieses wertvolle Naturmaterial besser zu nutzen.

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Haben Sie schon einmal ein Stück Salzkartoffel gesehen, aus dem man lange Fäden ziehen kann? Etwa so sieht es aus, wenn Tina Moor aus dem weichen Kern einer Bananenstaude mit einer einfachen Spindel ein feines Garn gewinnt. Im Rahmen eines zweijährigen Forschungsprojekts versucht die Textildesign-Forscherin der Hochschule Luzern gemeinsam mit internationalen Partnern neue Anwendungsmöglichkeiten zur Verwendung von Bananenfasern zu finden. Dies mit gutem Grund: Weltweit werden pro Jahr mehr als 100 Millionen Tonnen Bananen geerntet. Die Stauden tragen nur einmal Früchte. Doch obwohl sie starke Pflanzenfasern enthalten, die mit Leinen oder Jute vergleichbar sind, landen sie nach der Ernte mehrheitlich auf dem Abfall oder werden gar am Feldrand verbrannt.

Gefälschte Banane

«Vereinzelte aus Bananenstauden gefertigte Produkte findet man durchaus», sagt Tina Moor. Vielfach handle es sich dabei um einfache Körbchen oder andere manuell hergestellte Artikel, die auf dem europäischen Markt keine Chance hätten. Leider sei auch nicht überall Banane drin, wo Banane draufstehe. Sie erzählt: «Wir haben in Indien von verschiedenen Händlern Bananengarne gekauft, um diese für die industrielle Produktion weiterzuentwickeln.» Doch Laboruntersuchungen an der indischen Partnerhochschule, dem National Institute of Design in Ahmedabad zeigten, dass es sich dabei durchwegs um Fälschungen – mehrheitlich Viskose oder Baumwollgarne – handelte. «Das war natürlich bitter», meint Moor rückblickend, «aber so ist halt Forschung: zwei Schritte vor, einer zurück.»

Tina Moor produziert an ihrem Handwebstuhl verschiedene Stoffstücke, um die Materialeigenschaften der Bananenfaser zu testen.
Tina Moor produziert an ihrem Handwebstuhl verschiedene Stoffstücke, um die Materialeigenschaften der Bananenfaser zu testen.

Die falschen Produktdeklarationen waren nicht das einzige Problem, dem sie und ihr Team begegnen sollten. «Aber alles in allem hielten sich Rückschläge und Erfolgserlebnisse etwa die Waage.» Zu den Highlights zählt Moor das grosse Wohlwollen, das europäische Textilfirmen dem Projekt entgegenbrachten: «Ob Teppichhersteller in der Schweiz, Leinenspezialisten in Holland und Italien oder eine Sisalspinnerei in Österreich – sämtliche Unternehmen waren extrem interessiert daran, diese Naturfaser probehalber auf ihren Maschinen zu verarbeiten.»

Der Wermutstropfen dabei: Sie alle arbeiten auf grossen Maschinen und brauchen deshalb grosse Fasermengen. Die Ressourcen des Projekts waren jedoch beschränkt. Die Navsari Agricultural University, Moors zweiter indischer Forschungspartner, der sich unter anderem dem ökologischen Abbau von Bananenstauden widmet, stellte ihr rund 50 Kilo Fasern zur Verfügung. Damit konnte Moor verschiedene Tests in Auftrag geben, etwa das Verspinnen der Fasern auf einer Rotorspinnmaschine und die Produktion eines Teppichs auf einer Industriemaschine.

Eine Pflanze – zwei Fasertypen

Die Designerin erprobte die Faser zusätzlich in ihrem eigenen Atelier an der Hochschule Luzern. Sie unternahm Waschversuche, um die Fasern geschmeidiger zu machen, und verspann die Fasern von Hand. Diese weisen – je nachdem ob sie aus dem Kern oder aus den äusseren Bereichen des Stammes gewonnen werden – unterschiedliche Eigenschaften auf. An ihrem Handwebstuhl produzierte Moor verschiedene Stoffstücke – zum einen, um die Materialeigenschaften der Bananenfaser für Kleidungsstücke zu testen, und zum andern, um Textilien für weiterführende Experimente im Bereich Verbundwerkstoffe herzustellen.

Kunal Masania von der ETH Zürich und der Fachhochschule Nordwestschweiz befasst sich intensiv mit der Herstellung von naturfaserverstärkten Kunststoffen. In Absprache mit Moor und den Industriepartnern hat er die Eigenschaften der Einzelfasern unter die Lupe genommen, um herauszufinden, ob sich diese mit bereits existierenden industriellen Textilmaschinen verarbeiten lassen. Ausserdem will Masania herausfinden, wie gut sich Bananenfasern als Verstärkungsmaterial für Verbundwerkstoffe eignen.

Positive Zwischenbilanz

Das Projekt wird von der Gebert Rüf Stiftung finanziert. Obwohl die Tests noch nicht vollständig abgeschlossen sind, ist das interdisziplinäre Forschungsteam vom Potenzial der Bananenfasern überzeugt. «Reine Bananenfasern fühlen sich recht rau an und kommen daher für die Kleiderindustrie eher nicht infrage – es sei denn, man verändert sie chemisch oder nimmt teure Produktionsprozesse in Kauf», erläutert Masania. Für die Teppichproduktion seien sie aber durchaus geeignet, und vor allem könnten sie künftig in der Herstellung von Verbundwerkstoffen oder als lärmdämpfendes Material Verwendung finden. «In diesem Bereich kann die Bananenfaser mit Leinen, Hanf oder Jute gut mithalten.»

Da Bananenfasern nicht eigens produziert werden müssen, sondern als Nebenprodukt der Landwirtschaft ohnehin zur Verfügung stehen, sei es doppelt sinnvoll, sie zu verwerten. Um diese Vision umzusetzen, sind indes in den Ländern, in denen Bananen angebaut werden, starke Partner nötig, wie Tina Moor sagt. Diese müssten bereit und fähig sein, in einen neuen Geschäftszweig zu investieren und vor Ort die entsprechende Infrastruktur aufzubauen. «In dieser Hinsicht stehen wir noch am Anfang.»

«Sämtliche Unternehmen waren interessiert daran, diese Naturfaser auf ihren Maschinen zu verarbeiten.»

Tina Moor, Textildesign-Forscherin
Bananenfasern zu Garn: Tina Moor demonstriert, wie aus einem Stück Bananenstaude ein Garn gewonnen werden kann.


Autorin: Mirella Wepf
Bilder: Raisa Durandi

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