«Es braucht eine Kultur der Vielfalt»

Bei homo- und bisexuellen Jugendlichen lässt sich eine fünfmal höhere Suizidversuchsrate feststellen als bei heterosexuellen Teenagern*. Bis jetzt gibt es keine Schweizer Studien, die genauer beleuchten, wieso das so ist. HSLU-Experte Andreas Pfister will das ändern.

Bei homo- und bisexuellen Jugendlichen lässt sich eine fünfmal höhere Suizidversuchsrate feststellen als bei heterosexuellen Teenagern. Ein Forschungsteam der HSLU untersucht, wieso.
«Wir müssen besser verstehen, wie es zu Suizidversuchen bei LGBT-Jugendlichen kommt», sagt HSLU-Experte Andreas Pfister.

Andreas Pfister, wieso ist die Suizidrate bei homo- und bisexuellen Jugendlichen – kurz «LGBT-Jugendlichen» – höher als bei heterosexuellen Teenagern?

LGBT-Jugendliche sind leider immer noch häufiger mit gesellschaftlichen und sozialen Abwertungen konfrontiert als heterosexuelle Jugendliche. Das ist mit ein Grund, weshalb eine höhere Gefährdung für suizidale Gedanken und Suizidversuche besteht.

Was können weitere Gründe sein?

Wir unterscheiden in der Forschung zwischen LGBT-spezifischen und unspezifischen Risikofaktoren. Ein tiefer Selbstwert, psychische Probleme und geringe soziale Unterstützung sind Faktoren, die alle Jugendlichen betreffen können – unabhängig von der sexuellen Orientierung.

Welche spezifischen Faktoren kommen bei LGBT-Jugendlichen dazu?

LGBT-spezifische Risikofaktoren sind etwa negative gesellschaftliche Normen und Einstellungen gegenüber LGBT-Personen, Mobbing und Schikanen in der Schule oder fehlende Unterstützung und wenig Akzeptanz in der Familie aufgrund der sexuellen Orientierung oder der Geschlechtsidentität.

«Wir sollten garantieren können, dass LGBT-Personen rechtlich und gesellschaftlich gleichgestellt und akzeptiert sind.»

Warum ist das soziale Umfeld so entscheidend?

Nehmen wir zwei männliche Jugendliche, beide 15 Jahre alt und schwul. Der eine lebt in einer Familie, die gut auf das Coming-out reagiert hat. Dieser Jugendliche wird weiter vom Umfeld getragen. Beim anderen Jugendlichen reagiert die Familie wenig verständnisvoll und unterstützend. Der Vater bricht den Kontakt nach dem Coming-out gar ab. Auch enge Freunde distanzieren sich. Das ganze soziale Netz des Jugendlichen bricht plötzlich weg. Dieses Beispiel zeigt, dass das Umfeld einen entscheidenden Einfluss hat – und dass die sozialen Umstände entweder eine grosse Ressource oder eine grosse Belastung für junge Menschen sein können.

Und wie verhält es sich mit Gesetzen und gesellschaftlichen Normen?

Gesellschaftliche Normen und Werte, auch verfestigt in Form von Gesetzen, spielen eine wichtige Rolle. Es macht einen Unterschied, ob Schwule und Lesben in einem Land heiraten dürfen oder nicht. Auch in der Schweiz sollten wir mittels Gesetzen, gesellschaftlichen Werten und Normen garantieren können, dass LGBT-Personen rechtlich und gesellschaftlich gleichgestellt und akzeptiert sind.

«Dank Sensibilisierung kann das Umfeld früher erkennen, wenn es einer jungen LGBT-Person nicht gut geht und dann schneller handeln.»

Wie lässt sich die Suizidversuchsrate bei LGBT-Jugendlichen konkret senken?

In der Schweiz braucht es mehr Wissen. Wir müssen aus verschiedenen Perspektiven – aus Sicht der Jugendlichen und ihres sozialen Umfelds – besser verstehen, wie es zu Suizidversuchen bei LGBT-Jugendlichen kommt. Die Kenntnis relativ abstrakter Risikofaktoren reicht nicht aus. Deshalb haben wir einen Antrag um Förderung eines entsprechenden Forschungsprojekts beim Schweizerischen Nationalfonds gestellt. Das Wissen wollen wir dazu nutzen, die breite Bevölkerung sowie die Familie und Schulen besser für die Hintergründe von Suizidversuchen bei LGBT-Jugendlichen zu sensibilisieren.

Was würde eine solche Sensibilisierung bewirken?

Lehrpersonen, Eltern, Schulsozialarbeitende und auch die Kolleginnen und Kollegen von Jugendlichen könnten in Zukunft besser und frühzeitiger erkennen, wenn es einer jungen LGBT-Person nicht gut geht und dann schneller handeln. Diese Massnahmen würden der Früherkennung und Frühintervention dienen – kämen also dann zum Tragen, wenn es jemandem bereits nicht gut geht. Besser wäre es natürlich, wenn es gar nicht erst zu einer Suizidgefährdung kommt.

«Wir wissen, dass strukturelle und gesellschaftliche Faktoren einen Einfluss auf suizidales Verhalten haben.»

Was braucht es dafür?

Es braucht eine Kultur der Vielfalt, und zwar nicht nur in den Schulen. Das ist ein wesentlicher Pfeiler der Suizidprävention. Wichtig wäre es auch, niedrigschwellige und spezifische Hilfsangebote zu schaffen. Studien aus den USA zeigen, dass sich LGBT-Jugendliche bei suizidalen Krisen oft lieber an Hilfsangebote innerhalb der LGBT-Community wenden. Es bräuchte auch in der Schweiz solche spezifischen Angebote, die mit den notwendigen Ressourcen ausgestattet sind.

Am 9. Februar stimmen wir über die Ausweitung der Anti-Rassismus-Strafnorm auf die sexuelle Orientierung ab. Was ist Ihre ganz persönliche Meinung? Würde die Annahme der Gesetzesänderung helfen, die Suizidversuchsrate bei LGBT-Jugendlichen zu senken?

Ja, ich denke mittelfristig schon. Wir wissen, dass strukturelle und gesellschaftliche Faktoren einen Einfluss auf suizidales Verhalten haben. Eine Annahme der Gesetzesänderung wäre ein klares Zeichen für die Akzeptanz der Gruppe – nicht nur rechtlich, sondern auch symbolisch. Es hiesse, dass die Schweizer Bevölkerung Schwule, Lesben und Bisexuelle künftig vor Hass und Hetze schützen möchte. Dieser Schutz und dieses Zeichen ist auch für LGBT-Jugendliche und junge Erwachsene sehr wichtig.



(* Quelle: Wang, J., Häusermann, M., Wydler, H., Mohler-Kuo, M. & Weiss, M. G. (2012). Suicidality and sexual orientation among men in Switzerland. Findings from 3 probability surveys. Journal of psychiatric research, 46 (8), 980-986.)

Suizidversuche von LGBT-Jugendlichen und jungen Erwachsenen – Einschätzung der Machbarkeit einer qualitativen Untersuchung in der Schweiz

Der internationale Forschungsstand belegt, dass lesbische, schwule, bisexuelle und trans Jugendliche – kurz «LGBT-Jugendliche» – häufiger von suizidalem Verhalten betroffen sind als die heterosexuelle und Cisgender-Bevölkerung. Eine vom Bundesamt für Gesundheit geförderte Machbarkeitsstudie der Hochschule Luzern zeigt, wie mehr Wissen zur Verbesserung der Suizidprävention in der Schweiz generiert werden könnte. Ein Antrag um Förderung eines entsprechenden Forschungsvorhabens liegt derzeit beim Schweizerischen Nationalfonds.

Mehr Informationen zur Machbarkeitsstudie gibt es HIER.

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