Lern- und Spieloase im Container

In Asyl- und Durchgangszentren haben Kinder und Jugendliche oftmals keinen geeigneten Ort zum Lernen und Spielen. Ein Projekt der Hochschule Luzern hat deshalb einen flexibel nutzbaren Raum entwickelt, in dem sie Konzentration und Ruhe finden können. Der Prototyp kann international reproduziert und eingesetzt werden.

Zwei Kinder haben sich vor dem Tag der offenen Tür in eine Nische zurückgezogen.

Was von aussen aussieht wie ein nüchterner Container, entpuppt sich im Inneren als eigene Welt: Hier finden geflüchtete Kinder Raum zum Lernen und Spielen.

Von aussen ist es ein Container, wie man ihn überall auf der Welt findet. Im Innern hingegen erzeugen Einbauten aus Holz, verschiedene Lichtquellen und farbige Textilien eine gemütliche Stimmung. Die Wände bieten Stauraum für Holztische und -hocker, Sitzkissen, Boxen und vieles mehr. Die Möbel lassen sich dort einsetzen, wo sie gerade gebraucht werden, und immer wieder neu kombinieren. Nischen geben die Möglichkeit zum Rückzug.

Wir befinden uns im Durchgangszentrum Biberhof in Bennau, Kanton Schwyz. Hier steht der Prototyp der «Lernwelten», die Forschende der Hochschule Luzern für geflüchtete Kindern und Jugendliche entwickelt haben. Im Durchgangszentrum leben zurzeit rund 60 Bewohnerinnen und Bewohner, darunter 25 unbegleitete minderjährige Asylsuchende, die bereits begonnen haben, die Lernwelten zu erobern und zu erkunden.

Alles ist in den Lernwelten flexibel konzipiert.
Die Möbel kann man so zusammenstellen, wie es gerade praktisch ist.
Der Container auf dem Biberhof.
Von Weitem sieht es nach einem ganz normalen Container aus.
Im Innern eröffnet sich eine eigene Welt, gemacht für Kinder und Jugendliche.
Im Innern eröffnet sich eine eigene Welt, gemacht für Kinder und Jugendliche.
Eine Wand für die persönlichen Dinge.
Bald werden aus den Brettern in den Abteilen Kisten. Jedes Kind baut sich seine eigene.

Die Lernwelten sind nicht nur gemütlich, sondern auch ausgesprochen flexibel, damit sie der Anzahl Kinder und ihren verschiedenen Beschäftigungen angepasst werden können. Die Pilotumsetzung heisst «Motirõ», was in der indigenen brasilianischen Sprachfamilie Tupi-Guarini in etwa bedeutet «gemeinsam etwas Gutes tun». Der Prototyp ist so konzipiert, dass er international reproduziert werden kann, von lokalen Handwerkern, mit lokalem Holz. Deshalb auch die Entscheidung für das Containermodul als Aussenhülle: Container findet man in jedem Land.

Wir müssen heute praktisch alle Personen in den Durchgangszentren auf eine Integration vorbereiten.

Markus Blätter, Leiter Amt für Migration, Kanton Schwyz

Raum zum Lernen und Spielen

Geflüchtete Kinder und Jugendliche haben nicht nur ein Recht darauf zu lernen – sie sind für ihre persönliche Entwicklung darauf angewiesen. «Die Asylzentren können ihnen jedoch oftmals nicht den nötigen Raum dafür bieten. Darum war das Projekt «Cities, Refugees & Kids – modulare Lernwelten für geflüchtete Kinder» für uns eine Herzensangelegenheit», sagt Projektleiter Peter Schwehr vom Kompetenzzentrum für Typologie & Planung in Architektur (CCTP) der Hochschule Luzern, das die Lernwelten konzipiert und umgesetzt hat. «Von konzentrierten Einzelarbeiten über Gruppenunterricht bis hin zu ruhigen Beschäftigungen oder aktiven Bewegungsspielen ist alles möglich», beschreibt Schwehr das Resultat.

Das Kartonmodell der Lernwelten.
Im Kartonmodell sieht alles noch ziemlich nüchtern aus.
Die Wand enthält Nischen und Stauraum.
Langsam wird sichtbar, wie viel in den Wänden verstaut werden kann.
Wand und Möbel werden hergestellt.
Schon lässt sich erahnen, wie flexibel die Einzelteile genutzt werden können.
Per Kran kommt der Container auf dem Biberhof an.
Der Container wird angeliefert.

Lernwelten bauen leicht gemacht

Teil des Projektes ist eine Anleitung à la IKEA. Dazu gehören natürlich die nötigen Informationen, wie die Lernwelten auf- und umgebaut und immer wieder neu zusammengestellt werden können. Diesen Teil haben Schwehr und seine Mitarbeiterin Selina Lutz entwickelt. Genauso wichtig sind jedoch Fragen der Pädagogik und des Betriebs. Dafür zeichnen die NGO «Save the Children» und die Caritas Schweiz verantwortlich. Caritas betreibt das Durchgangszentrum Biberbrugg und damit auch die Lernwelten. Ihre Erfahrungen wird in die Anleitung einfliessen.

Vorbereitung für die Integration

An der Entwicklung beteiligt war auch das kantonale Amt für Migration. Amtsvorsteher Markus Blättler erklärt, warum die Lernwelten gerade jetzt besonders wichtig sind: «Im Vergleich zu früher sind seit diesem Jahr zum grossen Teil Menschen bei uns, die einen Bleibestatus haben oder ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit erhalten werden. Dies bedeutet auch, dass wir in den Durchgangszentren praktisch alle Personen auf eine Integration vorbereiten müssen.»