Schweizer Gleichstellungspolitik: ein Ringen um jeden Meter

Gesine Fuchs und Lucia Lanfranconi forschen und lehren rund um das Thema Gleichstellungspolitik. Wo die beiden Expertinnen dringenden Aufholbedarf in der Familienpolitik sehen, welche Rolle Traditionen dabei spielen und weshalb der Corona-Lockdown auch Chancen bot, erzählen sie im Interview.

Gesine Fuchs, das Magazin «Der Spiegel» titelte kürzlich, dass die Schweiz zu einem der familienfeindlichsten Länder Europas gehört. Teilen Sie diese Einschätzung?

Gesine Fuchs (GF): Ja, wir haben keine ausreichende Elternzeit und zu hohe Kitakosten.

Warum ist das so?

GF: Die Schweiz ist ein konservativ-liberaler Wohlfahrtsstaat. Das gesellschaftlich verankerte Bild ist: Das Kind gehört zur Mutter und in der Familie kommt es auf Eigenverantwortung an, Familie ist Privatsache. Deshalb werden Ehepaare gemeinsam besteuert und nur wenig in die öffentliche Kinderbetreuung investiert. Hinzu kommt: Die direkte Demokratie und die vielen organisierten Partikularinteressen verlangen nach langwieriger Kompromisssuche und nach Konsenslösungen. Das dauert – beispielsweise 60 Jahre, um eine Mutterschaftsversicherung einzuführen.

Können Eltern dieser Vorstellung von Eigenverantwortung überhaupt gerecht werden?

GF: Die Politik setzt völlig konträre Anreize – insbesondere für die Frauen. Einerseits sollen sie beruflich am Ball bleiben.  So hat das Bundesgericht kürzlich in wichtigen Urteilen zusammengefasst, dass geschiedene Frauen grundsätzlich selbst für sich sorgen müssen. Andererseits gibt es keine Individualbesteuerung, hohe Kitakosten fressen zusätzliche Einkommen auf. Kommt hinzu, dass die Männer nicht ermutigt werden, Beruf und Familie besser miteinander zu verbinden. Auf der moralischen Ebene ist frau entweder die «Rabenmutter» oder das «Heimchen am Herd» – und beides wird in der Schweiz mittlerweile kritisiert, von der einen oder der anderen Seite.

«Auf der moralischen Ebene ist frau entweder die Rabenmutter oder das Heimchen am Herd».

Gesine Fuchs

Besonders für Alleinerziehende sind das schlechte Rahmenbedingungen.

GF: Alleinerziehend zu sein mit kleinen Kindern ist eines der grössten Armutsrisiken in der Schweiz. Das gilt für Frauen gleichermassen wie für Männer. Ein Kita-Platz ist für alleinerziehende Durchschnittsverdienende so teuer, dass vom Lohn zu wenig übrig bleibt. Das kann nicht sein. Das System orientiert sich immer noch am traditionellen Ernährermodell mit dem Vollzeit arbeitenden Vater und der nichtarbeitenden Mutter zuhause. Der Leidensdruck für Alleinerziehende ist hier daher besonders gross.

Das ist dann auch ein Gerechtigkeitsproblem?

GF: De facto ja. Familien sollten unabhängig von Wohnort und Einkommen einen Anspruch auf ergänzende Kinderbetreuung haben. Im Moment haben dies vor allem Privilegierte, sei es durch individuelle Lösungen oder mittels teurer Kitaplätze. Diese löchrigen und nachteiligen Strukturen haben schwerwiegende Folgen.

Was genau ist es, das Ihnen Sorgen bereitet?

GF: Es gibt viele Familien, die sich nicht frei entscheiden können, wer wie viel arbeitet und wie die «Care-Arbeit» aufgeteilt wird. Das Einkommen reicht nicht für die teure Kinderbetreuung. In einem kleinen Forschungsprojekt habe ich vor einigen Jahren erfahren, dass Eltern auf provisorische Lösungen zurückgreifen müssen, etwa die Betreuung durch ältere Geschwister oder das Kind sitzt vorm Fernseher. Kinder stehen allein auf und gehen zur Schule, weil die Eltern frühmorgens schon arbeiten gehen müssen. Auch schrumpft die gemeinsame Familienzeit, wenn ein Elternteil Frühschicht, das andere im Spätdienst arbeitet, um die Kinder nicht allein zu lassen. Darüber wird kaum gesprochen, es ist ein sehr schambehaftetes Thema. Darunter leiden Kinder und Eltern gleichermassen. Auch in Migrantenfamilien oder bildungsarmen Familien gehört das nicht zu den Normen einer guten Erziehung.

«Alleinerziehend zu sein mit kleinen Kindern ist eines der grössten Armutsrisiken in der Schweiz.»

Gesine Fuchs

Diese Kinder sind meist ab der Schulpflicht erstmals in einer Einrichtung und starten mit zwei Jahren Kindergarten auf der Primarstufe. Kann die Schule diese davor gelagerte strukturelle Benachteiligungen ausgleichen?

GF: Zunächst wären günstige Betreuungsangebote im frühkindlichen Bereich eine unmittelbare Lösung. Und ja, die Schule als nachgelagerte Institution könnte helfen. Hilfreich wäre beispielsweise, die frühe schulische Selektion abzuschaffen, weil sie die Ungleichheiten noch verstärkt: Kinder aus bildungsreichen und gutgestellten Haushalten sind im Vorteil, Kindern aus bildungsarmen und finanziell schwächeren Familien fehlt die Zeit, etwaige Defizite aufzuholen. In der 5. und 6. Klasse entscheidet sich schon, in welche Richtung der Bildungsweg gehen wird. Empfehlungen oder Entscheidungen von Lehrkräften zur Schullaufbahn sind zudem nicht immer neutral, sondern auch von Erwartungen und Vorstellungen über die betreffenden Personen geprägt.

Empfehlen Sie deshalb in ihrem Gleichstellungsbericht für den Kanton Luzern, das Thema Chancengleichheit in der Ausbildung von Beratungspersonen wie Sozialarbeitern, Lehrpersonen oder Polizistinnen zu integrieren?

GF: Lucia und ich konnten in einer Studie zu Beratung von Versicherten in Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAVs) zeigen, dass es viele Stereotype in den Köpfen der Beratungspersonen gibt. Mütter werden beispielsweise anders beraten als Frauen ohne Kinder, Migranten anders als Schweizer.

Lucia Lanfranconi, können Sie Beispiele geben?

LL: Wenn Mütter, aber nicht Väter, einen Nachweis über die Kinderbetreuung vorlegen müssen oder sogar von den RAV-Beratungspersonen in arbeitsmarktliche Massnahmen oder Programme geschickt werden, um zu testen, ob sie verfügbar sind. Dies ist stossend und gemäss Bundesgericht nicht korrekt, wird jedoch in der Praxis noch immer gemacht. Ebenfalls als negativ bewerten wir es, wenn z.B. von Müttern mit mehreren Kindern weniger Arbeitsbemühungen erwartet wird, weil diese «geschont» werden sollen. Wir empfehlen bessere strukturelle Rahmenbedingungen, z.B. Unterstützung bei der Kinderbetreuung, statt weiterhin Väter als Ernährer und Mütter als zuständig für die Kinderbetreuung zu konstruieren. Noch stärker ungleich behandelt werden Frauen mit Kopftuch, bei denen gewisse Bewerbungen von den RAVs nicht einmal anerkannt werden, da davon ausgegangen wird, dass sie gewisse Jobs sowieso nicht bekommen. Dies ist höchst problematisch.

«Institutionen, die mit Bürgerinnen und Bürgern arbeiten, sollten klarere Konzepte zu Chancengleichheit und Diversity haben.»

Lucia Lanfranconi

Welche Empfehlungen machen sie im Gleichstellungsbericht für den Kanton Luzern noch?

LL: Wir empfehlen, dass Institutionen, die mit Bürgerinnen und Bürgern arbeiten − beispielsweise RAVs, Sozialdienste und -versicherungen, Polizei, Spitäler, Schulen − klarere Konzepte zu Chancengleichheit und Diversity haben und ihre Mitarbeitenden besser schulen und weiterbilden in diesem Bereich. Dies ist enorm wichtig und ich sitze gerade an einem Antrag für ein neues grösseres Forschungsprojekt hierzu. Daneben empfehlen wir für Alleinerziehende Familienergänzungsleistungen statt Sozialhilfe und eine bezahlbare Kinderbetreuung. Dem Kanton Luzern als Arbeitgeber haben wir ein (zertifiziertes) Diversity-Management empfohlen sowie konkrete Massnahmen wie die Möglichkeit der Pensenreduktion bei Geburt eines Kindes oder 20 Wochen bezahlter Elternurlaub für mehr Familienfreundlichkeit.

Unternehmen und Institutionen sollen ein Zertifikat für Diversity-Management erhalten können?

LL: Ja. Ein zertifiziertes Diversity-Management ist ein gutes und wissenschaftlich geprüftes Mittel, um Engagement für Gleichstellung und Familienfreundlichkeit nach innen und aussen sichtbar zu machen. Damit kann sich ein Unternehmen oder eine Organisation auch bei potenziellen Mitarbeitenden empfehlen. Gesine und ich haben für den Verein Chancen- und Lohngleichheit ein solches Zertifikat entwickelt, mit dem sich Unternehmen und Organisationen, die im Bereich Chancengleichheit gut unterwegs sind, ausweisen können. Im Zertifizierungsprozess erarbeiten wir mit den Unternehmen konkrete Vorschläge, wie die Praxis verbessert werden kann.

Welches Zeugnis stellen Sie dem Kanton Luzern in puncto Gleichstellung insgesamt aus?

GF: Wir kamen zum Schluss, dass er im interkantonalen Vergleich zum guten Mittelfeld gehört. Wir empfehlen, zukünftig deutlich mehr Ressourcen für die Gleichstellung von Frauen und Männern und LGBTQI-Personen einzusetzen und die Massnahmen in einem Aktionsplan zu bündeln. Die Kantonsregierung hat einen solchen Plan erarbeitet und bereits in die Vernehmlassung gegeben. Das ist ein Erfolg und ein wichtiges Zeichen. Toll ist, dass der Kanton einen umfassenden Gleichstellungsbericht durchgeführt hat, dies kann auch andere Kantone inspirieren.

«Viele Haushalte unterliegen ökonomischen Zwängen, wer mehr verdient, geht mehr arbeiten.»

Lucia Lanfranconi

Sie fordern im Gleichstellungsbericht auch klare Massnahmen für mehr Frauen in Führungspositionen. Warum ist die Quote in Luzern noch immer so tief?

LL: Es ist ein Teufelskreis. Die vergleichsweise noch immer schlechten familienpolitischen Strukturen und die geringe Unterstützung des Staates in der Kinderbetreuung machen es Frauen schwer, im Beruf zu bleiben und aufzusteigen. Zumindest jenen Frauen, die das auch wollen. Hinzu kommt die Lohnungleichheit, die teilweise wiederum mit den fehlenden Frauen in Führungspositionen und historisch männlich geprägten Lohnsystemen entsteht. Viele Probleme beeinflussen sich in diesem Bereich gegenseitig. Wichtig ist auch, dass Männer stärker die Betreuungsarbeit in der Familie übernehmen und Teilzeitpensen einfordern. Unternehmen können zudem bewusst Frauen fördern, für Führungspositionen ansprechen und Rahmenbedingungen schaffen, in denen sich z.B. Eltern entfalten können, wie Job- und Topsharing. Der Kanton Luzern hat gerade kürzlich eine Topsharing-Position geschaffen, mit Referenz auf unseren Bericht. Das ist sehr erfreulich.

Lucia Lanfranconi, in einer Studie der HSLU untersuchten Sie die Situation in Familien während des ersten Lockdowns im Frühling 2020. Packten Männer zuhause mehr an?

LL: Die Auswertung einer Online-Befragung von rund 1’000 Mitarbeitenden und Studierenden während des Lockdowns zeigt, dass Frauen mit Kindern im Vergleich zu Männern mit Kindern – in einer nicht-repräsentativen Stichprobe – rund doppelt so oft in ihrer Arbeitskapazität eingeschränkt waren wegen zusätzlicher Betreuungsarbeiten. Daneben zeigt die Analyse unerwartete Geschlechtermuster: Väter haben sich auch mehr an der Care-Arbeit beteiligt als sonst, allerdings nicht zum gleichen Teil wie Frauen und Mütter. Auch repräsentative Daten deuten in dieselbe Richtung.

Warum ist das so? Fordern Frauen zu wenig ein oder geben sie nur ungern ab?

LL: Hier spielen wohl drei Faktoren eine Rolle: Männer und auch Frauen sind teilweise in alten Mustern verhaftet, die sie sich in ihrem Leben angeeignet haben. Weiter basieren Unternehmen in ihren Systemen genauso auf traditionellen Rollenbildern – eher Aufstiegschancen für Männer und Teilzeitstellen für Frauen – und schliesslich fördert unser politisches und gesellschaftliches System noch immer diese geschlechtsspezifische Rollenteilung. Viele Haushalte unterliegen ökonomischen Zwängen, wer mehr verdient, geht mehr arbeiten. Häufig sind das die Männer, die Hausarbeit liegt dann bei den Frauen. Wandel kann aber auf allen Ebenen angestossen werden: Bei den Haushalten, den Unternehmen und der Politik.

«Die berufliche Allzeitverfügbarkeit der Eltern ist belastend für Kinder.»

Lucia Lanfranconi

Aber konnte das inzwischen etablierte Homeoffice nicht auch zur Entlastung von Familien beitragen?

LL: Ja, zumindest für jene, die im Homeoffice arbeiten können. Die Pandemie zeigt riesige Chancen auf: Die Unternehmen mussten ihre Arbeitsorganisation komplett verändern und Homeoffice sowie flexibles Arbeiten ermöglichen und ihren Mitarbeitenden mehr vertrauen. Hält man diese Flexibilität und das Vertrauen in die Mitarbeitenden bei, ist das, neben anderen Risiken, ein grosses Potenzial für die Gleichstellung und die Familienfreundlichkeit. Die Betriebe mussten in der Pandemie lernen, dass viele Frauen und Männer auch Familien- und Betreuungsverpflichtungen haben und ihnen dafür Raum geben. Wir sollten uns nicht mehr am Vollzeitpensum und an der konstanten Erreichbarkeit orientieren.

Wobei die Grenzen zwischen Arbeit und Familie im Homeoffice eher verschwimmen, oder?

LL: Es erfordert mitunter eine stärkere Abgrenzung. Und es wird Zeit, bei den Bedürfnissen der Kinder mal ganz genau hinzuschauen. Eine Studie zur Familiensituation während der Pandemie zeigt beispielsweise, dass es für Kinder zentral ist, dass Eltern, wenn sie Feierabend haben, eben auch wirklich anwesend sind und nicht darüber hinaus ständig zum Handy oder Laptop äugen. Diese berufliche Allzeitverfügbarkeit der Eltern ist belastend für Kinder. Dazu planen wir ein weiteres Forschungsprojekt und wir sind gespannt darauf, was Kinder zu sagen haben.

Studien, Berichte, Veröffentlichungen

Die beiden Projektleiterinnen Gesine Fuchs und Lucia Lanfranconi forschen an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit an verschiedenen Forschungsprojekten rund um das Thema Gleichstellungspolitik. Eine Auswahl:

  • Für den Kanton Luzern haben sie in einem Gleichstellungsbericht den aktuellen Stand der Gleichstellung von Personen unterschiedlichen Geschlechts sowie von LGBTIQ-Personen aufgezeigt.
  • Während der Coronakrise haben sie die Unterschiede zwischen Frauen und Männern mit und ohne Kinder im ersten Lockdown untersucht.
  • Für den Verein Chancen- und Lohngleichheit haben sie ein Modell entwickelt, mit dem die Lohn- und Chancengleichheit in Unternehmen auf einer wissenschaftlichen Grundlage gemessen und zertifiziert werden kann.
  • Mit einer Studie zeigen sie Mechanismen in der schweizerischen Arbeitslosenversicherung (ALV) und in Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) auf, durch die Ungleichheiten in Bezug auf Geschlecht, Klasse und Ethnizität verstärkt oder verringert werden.

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