Künstliche Intelligenz: «Ethische Überlegungen kommen zu kurz»

Ob sich die Zukunft der Menschheit als Idealwelt im Stile der TV-Serie «Star Trek» oder als Albtraum entpuppt, hänge nicht von der Technologie ab, sondern von uns, sagt Alan Shapiro. Der US-Medientheoretiker und Zukunftsdesigner doziert im Frühling 2018 an der Hochschule Luzern.

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Alan Shapiro, Sie setzen sich beruflich mit Science- Fiction-Filmen und -Serien auseinander. Wie kamen Sie dazu?

Ich bin ein Kind der Weltraumprogramme der 1960er-Jahre. Die Apollo-Mondmission hat mich enorm geprägt. Und dann war da diese TV-Serie namens «Star Trek», die damals im Fernsehen lief und die ich als Kind sehr mochte. Als ich mit meiner Doktorarbeit in Mediensoziologie anfing, wollte ich über ein Thema schreiben, das mich faszinierte.

Welche dieser Filme sind denn aus Ihrer Sicht die wichtigsten und weshalb?

Für mich sticht Stanley Kubricks «2001: A Space Odyssey» heraus. Erstmals verbindet hier ein Scifi-Film gekonnt philosophische mit technologischen Fragen und erstmals spielt künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle.

Ihre medientheoretischen Arbeiten zu «Star Trek» haben Sie bekannt gemacht. Wieso dieser Fokus auf eine Serie, die als seichte Unterhaltung gilt?

Ich habe «Star Trek» damals ausgewählt, um die vor 20, 30 Jahren verbreitete Vorstellung von Hoch- und Massenkultur zu durchbrechen. Heute spricht alle Welt über intelligente TV-Serien, aber wir dürfen nicht vergessen, dass «Star Trek» einer der Pioniere dieser intelligenten Unterhaltung war. Die Serie schafft den Spagat zwischen literarischer Qualität und den Gesetzmässigkeiten der Serienproduktion – zum Beispiel Konflikte, die zum Schluss einer Folge meistens aufgelöst werden, oder Helden, die nie sterben.

Welches ist Ihre Lieblingsfigur aus «Star Trek»?

Ich mag Spock, den Wissenschaftsoffizier des Raumschiffs Enterprise. Er ist als Sohn eines Vulkaniers und einer Frau von der Erde zwischen seiner menschlichen und seiner ausserirdischen Seite hin- und hergerissen. Meine zweite Lieblingsfigur ist der Androide Data. Data ist zwar ein menschenähnlicher Roboter, aber er will nicht noch menschlicher werden. Vielmehr möchte er als künstliche Lebensform anerkennt werden; als gleichberechtigte neue Art mit einer eigenen Identität.

Wieso sollte sich die Wissenschaft mit Fantasy-Formaten auseinandersetzen?

Scifi ist nicht nur Fantasy: Auf literarischer Ebene untersucht sie den Einfluss der Technologie auf unsere Gesellschaft, wie beispielsweise im Film «Her» von Spike Jonze, in der sich der Protagonist in eine weibliche künstliche Intelligenz verliebt. Auf einer technischen Ebene treibt Scifi mittlerweile sogar die Forschung voran, statt nur von dieser inspiriert zu werden.

Das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Science Fiction hat sich offenbar verändert.

Forschende identifizieren sich mit den Protagonisten der Scifi-Geschichten, die sie lieben. Das inspiriert sie dazu, unsere Welt fundamental zu verändern. Nehmen wir fantastische Konzepte wie das Teleportieren oder Wurmlöcher im Weltraum. Scifi hat viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überhaupt erst dazu inspiriert, darüber zu forschen – und tatsächlich: Neue Erkenntnisse, etwa auf dem Gebiet der Quantenphysik, lassen diese Ideen plötzlich nicht mehr so irreal erscheinen.

«Science-Fiction kann Forschende zu fundamentalen Weltveränderungen inspirieren.»

Sie beschäftigen sich viel mit Virtualität. Verschwimmt die Grenze zwischen real und virtuell in der heutigen Zeit?

Der griechische Philosoph Plato betrachtete Bilder als Kopie des Realen. Lange war das auch ihre vorherrschende Funktion. Ein Ferienfoto diente der Erinnerung an einen schönen Urlaub. Mehr nicht. Inzwischen ersetzen die Bilder aber zunehmend das Reale: Die Virtualität sickert in unseren Alltag ein, und zwar nicht erst seit der Erfindung der VR-Technologie. Reality-Shows am TV gaukeln uns schon seit Jahren vor, das echte Leben zu zeigen. Wir müssen uns von der Vorstellung einer strikten Trennung von real und virtuell verabschieden.

Was ist denn die Alternative?

Wir sollten das Virtuelle als nützliche Erweiterung der Realität begreifen. Einer meiner ehemaligen Studenten ist Gärtner. Die Designs für seine Gartenlandschaften kreierte er unter anderem mit Hilfe von Virtual-Reality-Brillen. Er konnte sie also virtuell betreten. Deswegen verzichtete er nicht darauf, sie auch real umzusetzen. Der natürliche und der virtuelle Raum müssen keine Gegensätze sein; sie können einander ergänzen.

Die künstliche Intelligenz (KI) bereitet vielen Menschen Sorgen – der US-Industrielle Elon Musk behauptete gar, eine KI könnte den Dritten Weltkrieg auslösen.

Falls wir KI weiterhin als Werkzeug und als Mittel zum Geldmachen betrachten, dann teile ich Musks Pessimismus. Ich sehe mich aber weniger als gesellschaftskritischen Soziologen, sondern vielmehr als Designer von Utopien. Daher erlaube ich mir, radikale und kreative Visionen der gesellschaftlichen und technologischen Entwicklung zu entwerfen – auch wenn von diesen Ideen wohl nur wenig umgesetzt wird.

Im Moment scheint es so, als würde eine kleine Techno-Elite die Entwicklung in puncto KI bestimmen.

Die Leute, die Google und Co. leiten, sind Ingenieure oder Geldmenschen. Sie betrachten technologische Herausforderungen aus einer deterministischen Perspektive: Es ist machbar, es bringt Geld, also ist es unvermeidbar. Alle paar Jahre kommt ein neuer Konzern daher, der die grosse Freiheit verspricht. Diese aufgesetzte Befreiungsideologie kann nicht verbergen, dass ethische Überlegungen in der Industrie zu kurz kommen. Der Charakter des Nathan aus Alex Garlands Film «Ex Machina», der mithilfe von Internet-Nutzerdaten eine manipulative Androidin erschafft, verkörpert diese Haltung sehr gut.

Welche Rolle spielen ethische Überlegungen in Ihrem Unterricht?

Ich versuche, den Informatik-Studentinnen und -Studenten gesellschaftskritische und gleichermassen utopische Werte zu vermitteln. Dabei kann ich sie hoffentlich dazu inspirieren, die Informatik als offene Disziplin zu betrachten, in der auch Designfragen sowie die Geistes- und Sozialwissenschaften ihren Platz haben. Ethische und soziale Fragen des Programmierens müssen längerfristig in den Vordergrund rücken und das reine Machbarkeitsdenken ablösen.

Apropos Ethik: Sollten Androiden wie Data aus «Star Trek» eines Tages die gleichen Rechte haben wie Menschen?

Absolut – aber sehen Sie: Wir haben ja noch nicht mal die Menschenrechte für alle Menschen durchgesetzt! Unter Präsident Trump bewegen sich auch die USA diesbezüglich rückwärts. Dennoch hege ich die Hoffnung, dass die Erschaffung von Androiden für uns einen Anreiz bietet, an uns etwas zu verändern; dass sie uns dazu bringen, über uns selbst als Zivilisation nachzudenken. Wenn wir so weitermachen wie bisher und technologische Deterministen bleiben, dann werden wir früher oder später Albträume von apokalyptischen Ausmassen erschaffen.

«Ethische und soziale Fragen müssen das reine Machbarkeitsdenken ablösen.»

Alan Shapiro

Interview: Martin Zimmermann
Bild: Peter Bender

Zur Person

Alan Shapiro, geb. 1956, studierte unter anderem Technologiewissenschaften am MIT sowie Philosophie und Literaturgeschichte an der Cornell University. Der gebürtige New Yorker lebt heute in Deutschland. Bekanntheit erlangte er mit seinen Abhandlungen über die TV-Serie «Star Trek». Aktuell schreibt er ein Buch über Techno-Anarchie, in dem er sich mit digitalen Technologien wie Blockchain auseinandersetzt. An der Hochschule Luzern wird er im Frühlingssemester 2018 als Gastdozent im Studiengang Digital Ideation der Departemente Design & Kunst und Informatik unterrichten. 

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