Crowdlending: Wenn der Schwarm die Kredite vergibt

Wer sich Geld leihen will, muss nicht mehr unbedingt zur Bank. Beim Crowdlending finden sich Kreditnehmende und Geldgebende auf digitalen Marktplätzen. Und Kredite vom Schwarm sind in der Schweiz so gefragt wie nie.

Kredite vom Schwarm sind in der Schweiz beliebt.

Sei es die lang ersehnte Weltreise, eine Weiterbildung oder die neue Maschine für die Schreinerei: Wer sich einen Wunsch erfüllen will, braucht Geld. Um schnell zu Kapital zu kommen, gibt es seit einigen Jahren einen neuen Weg: Crowdlending. Dabei kann man sein Projekt auf Online-Plattformen vorstellen und sich so bei Privatpersonen, Stiftungen oder anderen potenziellen Geldgebern für einen Kredit bewerben. Und das wird in der Schweiz immer häufiger gemacht. Das zeigt die Crowdlending Studie, die die Hochschule Luzern zusammen mit PwC und der Swiss Marketplace Lending Association veröffentlicht hat. So wurden im Jahr 2018 über Crowdlending in der Schweiz rund 262 Millionen Franken verliehen. 2017 waren es 186.7 Millionen, 2015 sogar erst 8.4 Millionen Franken. Der Markt wächst also stetig, was sich laut der Studie auch im nächsten Jahr nicht ändern wird.

Schnelle Kredite zu tiefen Zinsen

Aber was macht Crowdlending so attraktiv? Und wieso geht man für Kredite nicht einfach wie gewohnt zur Bank? «Beim Crowdlending liegen die Zinsen teilweise tiefer als bei Banken», sagt Andreas Dietrich, Professor in Banking and Finance an der Hochschule Luzern und Co-Autor der Crowdlending Studie.

«Einige KMU verzichten auf herkömmliche Kredite, da sie vor den administrativen Hürden zurückschrecken.»

Andreas Dietrich, Co-Autor der Crowdlending Studie

Ein weiterer Vorteil sei das schnelle und einfache Verfahren. Das macht Crowdlending gerade für kleine und mittlere Unternehmen spannend. «Einige KMU, die eigentlich Geld benötigen, verzichten auf herkömmliche Kredite, da sie vor den administrativen Hürden zurückschrecken», so Dietrich. Mit Crowdlending eröffnen sich ihnen neue Möglichkeiten. Ein grosser Teil der Kredite ging 2018 denn auch an Schweizer KMU – insgesamt waren das 134.4 Millionen Franken. Privatpersonen haben sich letztes Jahr Fremdkapital im Gesamtwert von 57 Millionen über Crowd-Plattformen geliehen. Die restlichen 70.5 Millionen Franken fielen auf sogenannte hypothekarisch besicherte Kredite – in den meisten Fällen sind das Kredite für Immobilien.

Professionelle Investoren mischen mit

Im letzten Jahr besorgten sich Privatpersonen über Crowdlending durchschnittlich 30’000 Franken pro Kredit – während ein Geldgeber im Schnitt 4’000 Franken in einen Privatkredit investierte. Bei den Geldvergaben an Unternehmen betrug ein einzelner KMU-Kredit 300’000 Franken, die Investoren wendeten pro Geldvergabe im Schnitt 17’000 Franken auf. Es waren also in der Regel mehrere Parteien nötig, um einen einzelnen Kredit zu finanzieren. Laut der Studienautoren ist die Aussagekraft dieser Mittelwerte aber aufgrund der starken Dynamik des Crowdlending-Marktes eingeschränkt. «Wir gehen davon aus, dass der Anteil an professionellen Investoren weiter zunehmen wird. Das wird wohl dazu führen, dass beim Crowdlending immer mehr Kredite von nur einem Geldgeber übernommen werden», so Simon Amrein, Co-Autor der Studie und Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Hochschule Luzern.

«Beim Crowdlending werden in Zukunft wohl immer mehr Kredite von nur einem Geldgeber übernommen.»

Simon Amrein, Co-Autor der Crowdlending Studie

Entwicklung mit Kehrseite?

Pro Einwohnerin und Einwohner wurden 2018 in der Schweiz rund 30 Franken über Crowdlending verliehen. Das ist deutlich weniger als in den führenden Märkten der USA und Grossbritanniens. In den USA wurden im Jahr 2017 bereits 38.7 Milliarden Franken über Crowdlending-Plattformen umgesetzt. Das entspricht einem Pro-Kopf-Kredit von rund 71 Franken. In Grossbritannien waren es im gleichen Jahr 5.9 Milliarden, was einer durchschnittlichen Kreditaufnahme von 89 Franken pro Person entspricht. «Die Schweiz liegt gegenüber den ganz grossen Märkten zwar zurück, ist den europäischen Nachbarländern aber eher voraus», sagt Amrein.

Wenn sich das Crowdlending weiter stark entwickelt und die Grössenordnung von einer Milliarde erreicht, wird es für institutionelle Investoren wie Stiftungen und Fonds noch attraktiver, sich hier zu beteiligen. Die Kehrseite: das Crowdlending könnte sich weiter vom ursprünglichen Gedanken der Schwarm-Finanzierung entfernen.

Autor: Saverio Genzoli
Bild: istock

Verschiedene Formen von Crowdfunding

Das Anzapfen des Schwarms, um Projekte zu finanzieren, ist in den letzten Jahren immer beliebter geworden. Grund dafür ist die wachsende Popularität des Crowdfundings. Dabei werden verschiedene Formen unterschieden, Crowdlending ist eine davon:

Crowdsupporting:

Unterstützt werden meist kreative oder kulturelle Projekte. Der Investor erhält für seinen Beitrag ein Produkt, ein künstlerisches Werk oder eine Dienstleistung. Wer zum Beispiel ein Buch finanziert, erhält ein Exemplar kostenlos.

Crowddonating:

Mehrheitlich Spenden für soziale, karitative und kulturelle Projekte, die an keine Gegenleistung geknüpft sind.

Crowdinvesting:

Investitionen von Eigen- oder Fremdkapital in Unternehmen (Start-ups) oder Immobilien. Als Gegenleistung erhalten die Investoren eine Gewinnbeteiligung.

Crowdlending:

Vermittlung von Krediten an Unternehmen oder Private. Als Gegenleistungen erhalten die Geber Zinszahlungen, deren Höhe vom Risiko des Kapitalnehmers abhängt.

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