Simone Gretler Heusser, Mario Störkle, ab wann ist jemand «alt»?
Simone Gretler Heusser: Früher war «alt» vor allem das, was nach der Erwerbstätigkeit kam. Heute sprechen wir vom «dritten Alter», von den «jungen Alten» oder «Golden Agers» – von aktiven, gesunden und mobilen Menschen. Umso härter kann der Bruch sein, wenn das Alter mit Einschränkungen und Vulnerabilität tatsächlich sichtbar wird, in der sogenannten «vierten Altersphase».
Mario Störkle: Aus soziologischer Sicht hat das mehr mit unseren Altersbildern zu tun als mit dem alten Menschen selbst. Dieses Bild von Alter ist historisch stark negativ geprägt. Unsere Gesellschaft orientiert sich am produktiven, leistungsfähigen Menschen. Sobald diese Funktion wegfällt, endet gewissermassen auch die gesellschaftliche Erwartung und Wertschätzung.
Wir sprechen also einerseits über ein defizitäres Altersbild und andererseits über den Druck, möglichst lange aktiv zu bleiben. Wie kommen wir aus diesem Widerspruch heraus?
Gretler Heusser: Wir sollten aufhören, nach einer einzigen Vorstellung davon zu suchen, wie Alter sein muss. Es gibt nicht das Alter, sondern unterschiedliche Menschen und unterschiedliche Formen des Alterns.
Störkle: Wir sollten Alter stärker als Prozess denn als Zustand verstehen und auch akzeptieren, dass Vulnerabilität, Abhängigkeit und Sterblichkeit zum Leben gehören. Das darf nicht ausgeblendet werden, nur weil der Markt und die Werbung das aktive Alter entdeckt haben.
«Nicht alle Menschen wollen oder können sich engagieren. Freiwilligenarbeit darf keine Pflicht werden.»
Prof. Simone Gretler Heusser, Sozialanthropologin
Und doch: Fast die Hälfte der Menschen ab 75 engagiert sich in Vereinen und Organisationen freiwillig. Was bedeutet dieses Engagement für Menschen im hohen Alter?
Gretler Heusser: Für viele bedeutet es Sinn, Anerkennung, Zugehörigkeit und soziale Kontakte. Manche machen etwas ganz Neues, andere führen etwas fort, das sie schon früher gemacht haben. Eine ehemalige Führungskraft kann beispielsweise als Mentorin tätig werden. Freiwilligenarbeit kann also ein Ort sein, an dem Menschen sich nochmals neu erfinden oder ihre Erfahrungen weitergeben können.
Eine freiwillig engagierte Person wie eine solche Führungskraft leistet etwas für andere. Aber soziale Teilhabe scheint ein ebenso wichtiger Motivator zu sein.
Störkle: Ja. Anerkennung und Zugehörigkeit sind für die Freiwilligen sehr wichtig. Es geht nicht nur darum, etwas zu leisten. Es geht auch darum, Teil einer Gemeinschaft zu sein und gesehen zu werden.
Ihre Forschung zeigt: Einen eindeutigen Kipppunkt, ab dem Menschen zu alt für freiwilliges Engagement sind, gibt es nicht. Ist das Alter damit schlicht der falsche Massstab?
Gretler Heusser: Ja, das konkrete Alter in Jahren sagt wenig aus. In der Freiwilligenarbeit gibt es keine Altersguillotine. Entscheidend ist die jeweilige Lebenssituation. Für jemanden, der einen Fahrdienst macht, kann beispielsweise die Fähigkeit, Auto zu fahren, entscheidend sein. Bei einem anderen Engagement spielt das vielleicht überhaupt keine Rolle. Die Frage ist also immer: Was kann und will diese Person noch – und was braucht sie dafür?
«Wir sollten Alter stärker als Prozess denn als Zustand verstehen und auch akzeptieren, dass Vulnerabilität, Abhängigkeit und Sterblichkeit zum Leben gehören.»
Prof. Dr. Mario Störkle, Soziologe
Wie erkennen Organisationen, dass bei einer freiwillig engagierten Person der Zeitpunkt zum Aufhören gekommen ist?
Störkle: Das ist sehr unterschiedlich. Grössere und professionellere Organisationen haben teilweise Standortgespräche und können regelmässig schauen, ob die Aufgabe noch passt. In kleinen Organisationen ist vieles informeller. Dort wird die Verantwortung oft auf die Person selbst übertragen, im Sinne von «Die wird schon sagen, wenn sie nicht mehr kann.» Das kann leider dazu führen, dass Menschen ihr Engagement wortwörtlich bis zum Umfallen weiterführen.
Nehmen wir den entgegengesetzten Fall: Eine Person sagt «Ich kann das noch», die Organisation sagt «Wir glauben, das geht nicht mehr». Wer entscheidet?
Störkle: Das ist ein Konfliktfeld. Die Organisation trägt eine gewisse Verantwortung der Person gegenüber, aber sie sollte nicht einfach über sie hinweg entscheiden. Es braucht einen Dialog darüber, was noch möglich ist und welche Anpassungen es geben könnte.
Gretler Heusser: Für die Freiwilligen kann ein abrupter Abbruch sehr einschneidend sein. Deshalb ist es wichtig, Alternativen anzubieten: eine andere Rolle, weniger Verantwortung oder die Möglichkeit, die eigenen Kompetenzen in anderer Form einzubringen.
Wir sprechen aktuell viel über Einsamkeit im Alter. Welche Rolle kann freiwilliges Engagement dabei spielen?
Gretler Heusser: Engagement kann Einsamkeit vorbeugen. Es schafft soziale Kontakte, gibt Struktur und kann ein Gefühl von Zugehörigkeit vermitteln. Aber Freiwilligenarbeit und Einsamkeit sind zwei unterschiedliche Themen. Nicht jede Person, die sich nicht engagiert, fühlt sich auch einsam.
Kann aus der Idee «Engagement schützt vor Einsamkeit» nicht auch ein neuer Druck entstehen: Dann müssen sich die Alten eben engagieren?
Gretler Heusser: Genau das wäre falsch. Nicht alle Menschen wollen sich engagieren, und nicht alle können es. Freiwilligenarbeit darf keine Pflicht werden.
«Engagement kann Einsamkeit vorbeugen. Aber: Nicht jede Person, die sich nicht engagiert, fühlt sich auch einsam.»
Prof. Simone Gretler Heusser, Sozialanthropologin
Sie sprechen daher auch vom «Recht auf Rückzug und Unverfügbarkeit». Was bedeutet das konkret?
Gretler Heusser: Rückzug muss nicht Kapitulation bedeuten. Ein Mensch kann sich bewusst entscheiden, nicht mehr verfügbar zu sein. Das ist eine gleichberechtigte Form des Seins. Es gibt nicht die eine richtige Form, wie wir unser Alter leben. Organisationen sollten beides ermöglichen: gute Rahmenbedingungen für diejenigen, die sich engagieren wollen, und Respekt für diejenigen, die sagen: Jetzt ist genug.
Wie können Organisationen dieses Recht auf Rückzug ermöglichen, ohne dass daraus ein Ausschluss aus der jahrelangen Gemeinschaft wird?
Störkle: Indem sie nicht nur zwischen «aktiv» und «nicht mehr dabei» unterscheiden. Es braucht Zwischenformen. Eine Organisation sollte einen Menschen nicht nur so lange wertschätzen, wie er produktiv ist. Es braucht die Bereitschaft, die Beziehung auch über das aktive Engagement hinaus aufrechtzuerhalten.
Ihre Forschung zeigt, dass der Ausstieg aus der Freiwilligenarbeit grundsätzlich akzeptiert wird, aber kaum strukturiert begleitet wird. Warum fällt es Organisationen und Freiwilligen so schwer, über das Aufhören zu sprechen?
Störkle: In der Arbeitswelt ist ein Austrittsgespräch selbstverständlich. Bei Freiwilligenarbeit gibt es das kaum. Gerade kleinere Organisationen sind wenig formalisiert. Man will die Leute auch nicht mit zusätzlichen Prozessen überfordern. Trotzdem braucht es Aufmerksamkeit für die Frage, wie ein Engagement endet.
«Die Freiwilligen sind keine Angestellten. Dennoch erwarten sie von der Organisation, beim Ausstieg oder bei Veränderungen begleitet zu werden.»
Prof. Dr. Mario Störkle, Soziologe
Brauchen Vereine also eine Art «Offboarding»?
Störkle: Ja, aber nicht als bürokratisches Personalinstrument. Es geht um Pflege der Freiwilligen. Eine Ansprechperson, ein regelmässiges Gespräch oder ein Ehemaligenanlass können schon viel bewirken. Die Freiwilligen sind keine Angestellten, dennoch wissen wir aus unserer Forschung, dass sie von der Organisation erwarten, auch beim Ausstieg oder bei Veränderungen begleitet zu werden.
Was können Vereine und Organisationen konkret verändern, damit Menschen auch mit 80, 85 oder 90 Jahren engagiert bleiben können?
Gretler Heusser: Es braucht nicht zwingend grosse Strukturen. Wichtig sind vor allem Aufmerksamkeit und Wertschätzung: die Menschen kennen, regelmässig mit ihnen sprechen und gemeinsam schauen, ob eine Aufgabe noch passt. Aufgaben können angepasst und Verantwortlichkeiten reduziert werden.