Magdalena, von Hergiswil aus begleiten du und das Team des Biotechnology Space Support Center (Biotesc) der Hochschule Luzern biologische Experimente auf der Internationalen Raumstation ISS. Wie läuft das ab?
Wir sind ein Supportzentrum für die ESA und übernehmen wesentliche Teile der Planung und Durchführung ihrer Experimente. Vereinfacht könnte man sagen: Wir übersetzen Wissenschaft in einen ausführbaren Ablauf für die Astronautinnen und Astronauten im All. Dazu gehören die Entwicklung des Testmaterials, Versuchsreihen in unserem Labor, Trainings für die ISS-Crew, die wir dann live aus unserem Kontrollraum bei der Durchführung der Experimente unterstützen. Wir wissen also ziemlich genau, was es braucht, um ein Vorhaben im Weltraum erfolgreich durchzuführen.

Der Trend ist, dass auch private Unternehmen ins Weltall drängen. Stichwort «New Space Economy». Was bedeutet das?
Aktuell passiert enorm viel: Raumfahrt wird vom staatlich geprägten Forschungs- und Prestigeprojekt zunehmend zu einem kommerziellen Markt. Das beschreibt der Begriff New Space Economy. Der Grund für diese Entwicklung ist die Öffnung der Raumfahrtagenturen für Privatfirmen. Dadurch entsteht ein Wettbewerb, der zu wiederverwendbaren Trägersystemen, kleineren und günstigeren Satelliten und standardisierter Hardware führt. Dieser Wettbewerb steht immer noch am Anfang.
Wir engagieren uns dafür, dass die Zentralschweiz zu einem wichtigen Ort für Unternehmen in der New Space Economy wird.
Magdalena Herová, Projektleiterin BIOTESC
Heisst das, Schweizer Unternehmen sollen jetzt Raketen bauen?
Warum nicht? Europa hat aktuell keine eigenen Raketen, um in diesem Wettbewerb mitzuspielen. Das ist auch ein Geschäftsfeld, dass sich gerade entwickelt. Denn der Platz an Board jeder Rakete ist knapp und entsprechend teuer. Für den Weg von der Erde in den Orbit braucht es eine ganze Reihe an Dienstleistungen. Neben Komponenten für Satelliten, Raketen, Bodenstationen und Startsysteme sind Technologien für die Herstellung und das Testen dieser Hardware ebenso gefragt. Vieles davon ist in Maschinenbau, Elektrotechnik, Sensorik und Medizintechnik längst im Einsatz. Für diese Branchen ist die News Space Economy also interessant.
Inwiefern?
Die Schweiz hat grosse Kompetenzen in Präzisionstechnik, Robotik, Sensorik, Mikroelektronik, KI und mehr – alles Technologien, die auch in der Raumfahrt gebraucht werden. Unternehmen können Zulieferer einzelner Teile werden. Oder sie erforschen selbst neue Produktionsmöglichkeiten in der Schwerelosigkeit.
Warum ist die Schwerelosigkeit für Produktionen interessant?
Ohne Gravitation lassen sich viele Prozesse neu denken. Für alles, bei dem die Schwerkraft eine Limitation ist, bietet der Weltraum neue Möglichkeiten. Für Unternehmen kann es interessant sein, einen Produktionsprozess dorthin zu verlagern, weil in der Schwerelosigkeit bessere Bedingungen herrschen. Zum Beispiel bei der Kristallisation, etwa für die Produktion von Halbleitern oder Medikamenten. Hier kommen dann auch wieder Firmen zum Zug, die Maschinen und Technologien für solche Vorhaben im Weltraum entwickeln.
Am Institut für Medizintechnik und Life Science erforscht ihr, wie sich Zellkulturen in Schwerelosigkeit entwickeln. Denkt ihr schon an ein Leben im All?
Was wir da machen, ist Grundlagenforschung. Wir versuchen zu verstehen, welche mechanischen Signale welche Wirkung auf Zellen haben. Wie entwickelt sich zum Beispiel eine Bandscheibe in Schwerelosigkeit? Dieses Wissen könnte irgendwann dazu führen, neue Bandscheiben in einem Bio-3D-Drucker zu erzeugen, um sie Menschen hier auf der Erde einzusetzen.
Für alle Prozesse, bei denen die Schwerkraft eine Limitation ist, bietet der Weltraum neue Möglichkeiten.
Magdalena Herová, Projektleiterin BIOTESC

Klingt abgespaced. Gibt es Beispiele von kleinen Unternehmen, die sich schon in der New Space Economy etabliert haben?
Noch hat sich niemand etabliert. Aber es gibt viele Firmen, die Fortschritte machen. Zum Beispiel gelang dem deutschen Start-up Isar Aerospace im September 2026 mit seiner Rakete «Spectrum» der erste erfolgreiche Satellitentransport eines kommerziellen europäischen Anbieters in den Orbit.
Es ist also noch nicht zu spät, in diesen Bereich einzusteigen?
Im Gegenteil: Mit dem geplanten «EU Space Act» sollen Sicherheit, Resilienz und Nachhaltigkeit der europäischen Raumfahrt gestärkt werden. Das heisst einerseits mehr private Unternehmen, Investitionen und neuen Geschäftsmodelle. Andererseits ist die Schweiz Gründungsmitglied der ESA und kann dadurch Schweizer Unternehmen und Forschungseinrichtungen direkt an europäischen Raumfahrtprogrammen teilnehmen lassen.
EU Space Act
Der EU Space Act ist ein Gesetzesvorschlag der Europäischen Kommission vom 25. Juni 2025. Damit soll ein einheitlicher Rechtsrahmen für Weltraumaktivitäten in der EU geschaffen werden – statt bisher 13 unterschiedlicher nationaler Regelungen. Er stützt sich auf drei Säulen: Sicherheit (Verfolgung von Weltraumobjekten, Vermeidung von Weltraumschrott), Resilienz (Cybersicherheitsanforderungen für Weltrauminfrastruktur) und Nachhaltigkeit (Reduzierung der Umweltauswirkungen, Förderung von Technologien wie In-Orbit-Servicing). Die Vorschriften werden für EU- und Nicht-EU-Betreiber gelten, die Weltraumdienste in Europa anbieten.
So wie die Hochschule Luzern.
Ja. Wir engagieren uns dafür, dass die Zentralschweiz zu einem wichtigen Ort für Unternehmen in der New Space Economy wird. Zum Beispiel als Gründungsmitglied des Center for Space and Aviation Switzerland and Liechtenstein (CSA). Oder als Partner der Space Systems Innovation Plattform (SSIP). Beide Organisationen versuchen Schweizer Industrie und Forschung mit weltraumbasierten Technologien zu verknüpfen. Gerade hat sich die Firma Axiom Space in Luzern neu angesiedelt und will von hier aus unter anderem Mikrogravitationsforschung, Fertigung im Weltraum und Space Computing vorantreiben.
Wie gehe ich als Schweizer Unternehmen vor, wenn ich an der New Space Economy teilhaben will?
Wir bieten hierzu einen neuen Weiterbildungskurs an: «New Space Economy and Technology». Teilnehmenden zeigen wir Anforderungen und Einstiegsmöglichkeiten in dieses Geschäftsfeld. Ausserdem vernetzen wir interessierte Unternehmen mit passenden Partnern und Projekten. Übrigens geht es nicht nur um Technik: Es geht auch um Regulatorien, Sicherheit, Qualitätskontrolle und vieles mehr in der New Space Economy. Am Biotesc haben wir 25 Jahre lang Erfahrung gesammelt, was im All funktioniert und was nicht.
Mehr zum Kurs «New Space Economy & Technology»
Der Kurs «New Space Economy & Technology» richtet sich an Personen, die bisher noch nicht in der New Space Economy tätig sind und einen fundierten Überblick gewinnen möchten. Teilnehmende aus Politik, Wirtschaft oder Industrie lernen, wie sich das Feld entwickelt und welche Möglichkeiten entstehen. Termine und weitere Infos gibt es hier.
Mehr zur Forschung am Institut für Medizintechnik und Life Science
Das Institut für Medizintechnik und Life Science mit seinem Kompetenzzentrum Bioscience and Medical Engineering ist auf innovative biomedizinische Forschung spezialisiert. Ein zentraler Fokus liegt auf der Entwicklung spezialisierter Bioreaktoren, die beispielsweise die Wirkung von Bewegung auf Körperzellen simulieren können. In den Laboren in Hergiswil stehen zudem Apparaturen zur Simulation von Schwerelosigkeit zur Verfügung.
Mehr zum Biotechnology Space Support Center in Hergiswil
Das Biotechnology Space Support Center BIOTESC in Hergiswil ist eines von neun Kontrollzentren in Europa, welche Experimente und Missionen im Auftrag der Europäischen Weltraumorganisation ESA steuern und überwachen. Das BIOTESC plant und testet biologische Experimente und unterstützt Astronautinnen und Astronauten während der Durchführung dieser Experimente auf der International Space Station ISS.