Von E-Food, kurzen Wegen und dem Untergang der Hierarchie

Das Departement Wirtschaft der Hochschule Luzern feiert sein 50-jähriges Bestehen. Ob Konsumverhalten, Mobilität, Finanzen oder Management: Unsere Expertinnen und Experten waren stets am Puls der Zeit. Wir haben vier von ihnen zu Themen befragt, die unsere Zukunft prägen werden.

50 Jahre Departement Wirtschaft

Inhalt:
1. Andreas Dietrich über den Stellenwert des Bargelds
2. Widar von Arx über den Lebensstil der kurzen Wege
3. Stephanie Kaudela-Baum über die Chefinnen und Chefs von morgen
4. Matthias Schu über Hauslieferdienste für Lebensmittel

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Andreas Dietrich, Experte für Banking & Finance, über:

Bargeld: Hat der Geldautomat bald ausgedient?

Rund 2’700 Jahre soll es her sein, seit Menschen im Westen der heutigen Türkei auf die Idee kamen, Goldklumpen flachzuschlagen und sie mit dem Stempel des Königs zu prägen. Die ersten Geldmünzen der Welt – und der Start eines raketenhaften Aufstiegs: Bargelds wurde das Zahlungsmittel schlechthin. Auch heute noch wird in der Schweiz kein anderes Zahlungsmittel so häufig verwendet wie Fünfliber, 10er-Nötli und Co. Das wird sich bald ändern, weiss Andreas Dietrich, Banken-Experte und Dozent an der Hochschule Luzern.

Wurden im Jahr 2005 noch 71 Prozent aller Transaktionen in Läden oder Restaurants via Barggeld bezahlt, waren es 2020 nur noch 37 Prozent. Stark zugelegt haben derweil die Bankkarten – rund ein Drittel aller Zahlungen wird darüber abgewickelt. Kreditkarten kommen bei 24 Prozent aller Zahlungen zum Zug. «Noch in diesem oder spätestens im nächsten Jahr wird die Debitkarte das Bargeld als wichtigstes Zahlungsmittel abgelöst haben», so Dietrich. Seit einigen Jahren mischt zudem eine neue Bezahlmethode im Kampf an der Ladenkasse mit: das mobile Bezahlen via Smartphone. Etwa fünf Prozent aller Käufe werden mittlerweile per Handy-App getätigt. Dietrich: «Das Bargeld hat dadurch auch bei kleineren Beträgen starke Konkurrenz erhalten».

«Spätestens im nächsten Jahr wird die Debitkarte das Bargeld als wichtigstes Zahlungsmittel abgelöst haben.»

Andreas Dietrich

Der langsame Rückzug des Bargelds stellt ein Gerät in Frage, das für uns ganz alltäglich ist: den Geldautomaten. «Die Geldautomaten sind klar die beliebteste Bezugsquelle für Bargeld in Europa», sagt der HSLU-Experte. Betrieben werden die über 6’800 Stück in der Schweiz von den Banken. Die Herausforderung: Die Geräte können kaum wirtschaftlich betrieben werden. «Ein einzelner Bankomat verursacht pro Jahr je nach Standort bis zu 40’000 Franken an Unterhaltskosten», so Dietrich.

Obwohl Bargeld in Zukunft als Zahlungsmittel an Bedeutung verlieren wird, werden wir auch mittel- bis langfristig nicht in einer völlig bargeldlosen Schweiz leben, ist sich Andreas Dietrich sicher. «Die Bedeutung von Bargeld ist für die Gesellschaft nach wie vor hoch», weiss der Banking-Experte. So habe es als Wertaufbewahrungsmittel wieder an Bedeutung gewonnen. Zudem sei Bargeld in der Schweiz ein wichtiger Vertrauensanker für die Bevölkerung.

Wie wird denn der Zugang zu Bargeld in Zukunft gewährleistet? «Die Bedeutung der Banken bei der Bargeldversorgung wird wohl abnehmen», so Dietrich. Sie werden den Bargeldbezug vermehrt an andere Dienstleister auslagern. «An der Kasse aller Migros-Filialen können Kundinnen und Kunden bereits heute mit ihrer Debitkarte Bargeld abheben», sagt der Experte. «In Zukunft könnte jeder Kleiderladen zum Geldautomaten werden.» Ebenfalls sei es gut möglich, dass die Banken sich schon bald zu Betreibergesellschaften zusammenschliessen werden. «Mehrere Banken bieten dann gemeinsam einen Bankomaten an.» Das würde bedeuten, dass wir an markenlosen Geldautomaten unser Geld beziehen.

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Widar von Arx, Experte für Mobilität, über:

Mobilität: Der Lebensstil der kurzen Wege

Fast 40 Prozent des Schweizer Energieverbrauchs geht auf das Konto des Verkehrs. Damit verbrauchen die Menschen in der Schweiz mehr Energie für ihre Mobilität als für alle anderen Aktivitäten. «Für den Verkehr wird zudem fast ausschliesslich fossile Energie verwendet», weiss Widar von Arx, Dozent für Mobilität und Projektleiter an der Hochschule Luzern. Denn: Auch wenn der Anteil von Elektroautos bei Neuwagen-Käufen zunimmt, wird bei der Mobilität nach wie vor über 90 Prozent des Energiebedarfs mit Erdölprodukten abgedeckt. «Wir sind weit davon entfernt, bis die Mobilität das Netto-Null-Ziel erreicht», so der Experte.

«Weniger Mobilität sollte nicht als Einschränkung, sondern als mehr Lebensqualität wahrgenommen werden.»

Widar von Arx

Wie können wir die Wende schaffen? «Die Umstellung des motorisierten Individualverkehrs auf emissionsfreie Antriebe ist nicht mehr aufzuhalten», ist von Arx überzeugt. «Die Industrie ist daran, ihr Angebot in Rekordzeit anzupassen.» Zwei beträchtliche Hürden für das Netto-Null-Ziel seien aber noch ungelöst, weiss der Experte. Erstens: Wie produzieren wir genügend grünen Strom, um die Elektroautos zu laden? E-Autos, die mit fossil erzeugtem Strom geladen werden, haben nur eine unwesentlich bessere Umweltbilanz als Autos mit Verbrennungsmotoren. Und zweitens: Nur der Umstieg auf E-Mobilität dürfte nicht ausreichend sein, denn die «graue Energie», die in den Autos steckt, ist beträchtlich. «Solange viele Menschen ihre Wege im eigenen Auto zurücklegen, wird es schwierig mit Netto-Null», gibt von Arx zu bedenken. Was es zusätzlich brauche, sei ein «Modal-Shift» zum ÖV und zum Langsamverkehr. Ein zentraler Stellhebel bestehe darin, den öffentlichen Verkehr für die Kundinnen und Kunden noch attraktiver und effizienter zu machen. «Gerade die Eisenbahn kann sehr energieeffizient betrieben werden», sagt von Arx. Sie ist lediglich für 0.2 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Ein dritter Ansatz wäre derjenige der persönlichen Einschränkung. Diesen Weg hält von Arx für wenig erfolgsversprechend. «Mobilität ist auch ein Symbol der Freiheit, auf das die wenigsten verzichten möchten.»

Vielversprechender als der freiwillige Verzicht seien raumplanerische Lösungen und ausgeklügelte Stadtentwicklungskonzepte, die dafür sorgen, dass alles, was es zum Leben braucht, in den Quartieren innerhalb von wenigen Minuten zu Fuss oder per Velo erreicht werden kann. «Damit wird weniger Mobilität nicht als Einschränkung, sondern als Gewinn von mehr Lebensqualität wahrgenommen», sagt von Arx. Pionierstadt für diesen «Lebensstil der kurzen Wege» will Paris sein. Die französische Hauptstadt möchte zur «15-Minuten-Stadt» werden – von jeder Wohnung aus sollen alle Einrichtungen für den täglichen Bedarf und die wichtigsten Freizeitaktivitäten innerhalb von 15 Minuten erreicht werden können. Widar von Arx: «Durch ihre geringen Distanzen und die bereits gut ausgebaute Infrastruktur ist auch die Schweiz prädestiniert für solche Modelle.»

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Stephanie Kaudela-Baum, Expertin für Organisation, Innovation und Führung, über:

Leadership: Den traditionellen Karriereweg gibt es nicht mehr

Während die Geschäftswelt immer komplexer und dynamischer wird, können wichtige Unternehmensentscheide kaum mehr von einzelnen Führungspersonen alleine getroffen werden. «Eine der grössten Errungenschaften in der künftigen Führungslandschaft wird deshalb die Etablierung von verschiedenen Arten von Führungsteams sein», ist sich Kaudela-Baum, Dozentin für Organisation, Innovation und Führung sowie Leiterin verschiedener Führungslehrgänge an der Hochschule Luzern, sicher. Das können Führungstandems sein, Shared-Leaderships oder ganze interdisziplinäre Führungsgremien.

«Die Chefinnen oder Chefs von morgen sind bereit, ihre Führungsfunktion auch mal abzugeben, wenn es nötig ist.»

Stephanie Kaudela-Baum

Solche Führungsteams ermöglichen es, dass ein ganzes Netz von Expertinnen und Experten die Unternehmensentwicklung bestimmen. Daraus entstehe laut Kaudela-Baum eine agilere Zusammensetzung der Führungsetage. Sie sagt: «Die Chefinnen oder Chefs von morgen sind sehr anpassungsfähig. Sie sind bereit, ihre Rolle rasch anzupassen und ihre Führungsfunktion auch mal abzugeben, wenn die Unternehmensentwicklung dies verlangt.» Dass jemand 15 oder 20 Jahre im gleichen Chef-Sessel sitzt, werde es in Zukunft kaum mehr geben.

Damit wird auch die traditionelle, hierarchische Karriereplanung begraben. «Schon heute sind fest vorgeschriebene, vom Unternehmen geplante Laufbahnen selten», so Stephanie Kaudela-Baum. Arbeitnehmende würden sich vermehrt nach ihren eigenen Vorstellungen entwickeln und nicht mehr nach dem Karriereweg, welcher das Unternehmen für sie vorgesehen hat. Die HSLU-Expertin: «Es gibt kein Rezept mehr für die Personalentwicklung. In den Führungslehrgängen setzen wir deshalb vor allem auf das Life-Long-Learning-Konzept. Führungspersonen müssen fähig sein, Eigenverantwortung vorzuleben.»

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Matthias Schu, Experte für E-Commerce, über:

Onlinehandel: Frische Äpfel in kurzer Zeit nach Hause geliefert

Kleider, Elektrogeräte oder Bücher: Es gibt kaum ein Produkt, das heute nicht fleissig über Onlineshops bestellt wird. Rund zwölf Prozent des Umsatzes erwirtschaften die Schweizer Detailhändler über Online-Plattformen. Insgesamt setzen sie damit pro Jahr 15 Milliarden Franken um. In diesem Riesenmarkt fristet eine Sparte noch ein Nischendasein: E-Food. Oder wann haben Sie das letzte Mal ihren Wocheneinkauf an Lebensmitteln im Internet bestellt?

Geht es nach Matthias Schu, einem der führenden Schweizer E-Food-Experten und Dozent an der Hochschule Luzern, sind Hauslieferdienste für Lebensmittel eines der nächsten grossen Dinge im Onlinehandel. «Die Konsumentinnen und Konsumenten sind es sich gewohnt, alles Mögliche über Websites und verstärkt auch Apps zu bestellen. Es gibt keinen Grund, wieso sich das bei Lebensmitteln nicht auch durchsetzen soll», so Schu. Das Argument, dass die Menschen ihre Lebensmittel vor dem Kauf anfassen und selbst entscheiden wollen, welchen Apfel sie auswählen, lässt der HSLU-Experte nicht gelten: «In der Coronakrise hat sich gezeigt, dass dieses Argument klassischer stationärer Händler nicht mehr stimmt.» Bereits während des ersten Lockdowns seien die Hauslieferdienste überrannt worden, es entstanden lange Wartezeiten. «Das Bedürfnis ist da», ist sich Schu sicher.

«Es gibt keinen Grund, wieso sich der Onlinehandel nicht auch bei Lebensmitteln durchsetzen soll.»

Matthias Schu

Bis jetzt liegen die Marktanteile von E-Food gemessen am gesamten Lebensmittelhandel in der Schweiz immer noch im tiefen einstelligen Bereich (3.5 Prozent). Rund 500 Millionen Franken erwirtschaften die drei führenden Anbieter Coop, Migros und Farmy mit ihren Onlineshops. «Das sind für die beiden Lebensmittel-Riesen Migros und Coop im Vergleich zur Masse im stationären Handel immer noch Peanuts», so Schu. Der Grund, wieso es E-Food noch nicht aus den Kinderschuhen geschafft hat, liege am oftmals noch spärlichen Angebot. So seien die Lieferkonditionen der Händler im E-Food, die bei Lebensmitteln per se mit geringen Margen kämpfen, für viele Kundinnen und Kunden noch zu unattraktiv. Lange Lieferzeiten, hohe Mindestbestellwerte und eine hohe Ladendichte wirken aus Kundensicht hemmend für den Lebensmitteleinkauf im Netz. Bei Lebensmitteln seien die Konsumentinnen und Konsumenten diesbezüglich anspruchsvoller als bei Non-Food-Produkten, so der Experte. Das Problem aus Händlersicht: Die Infrastruktur für eine schnelle und lückenlose Logistik kostet. Die Kapazitäten versucht man händlerseitig effizient auszulasten und Bestellspitzen – wie beispielsweise während des ersten Corona-Lockdowns – können nicht bedient werden. «Für die Lieferung bis zur Haustür braucht es neue Ideen von den Händlern», ist sich Schu sicher. Denn: «Die Kundinnen und Kunden wollen am selben Tag beliefert werden, an dem sie bestellen.»

Die Ideen dazu kommen von Start-ups oder innovativen Inkubator-Projekten – wie jenes von Migros Aare mit ihrem Online-Supermarkt-Konzept «myMigros» – welche mehr und mehr auf den Markt drängen und den Fokus auf Schnelligkeit legen sowie auf breit verstreute Depots statt riesige Lagerhallen setzen. Automatisierte Warenlager – auch auf kleinstem Raum – könnten dafür sorgen, dass E-Food im grossen Stil und profitabel betrieben werden kann. «Das ist momentan in der Schweiz noch Zukunftsmusik», weiss Schu. Trotzdem erzielt E-Food im DACH-Raum bereits heute zweistellige Wachstumsraten. Matthias Schu: «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich der Onlinehandel auch in der Lebensmittelbranche breit etabliert hat.»

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