Vom Start-up zum White Label

Für die Abrechnung gemeinschaftlich genutzter Anlagen hat das Start-up zevvy 2019 ein Online-Tool entwickelt. Mit ein paar Klicks lässt sich eine übersichtliche Stromrechnung für alle Beteiligten erstellen. Nachdem das Unternehmen in seinen Gründungsjahren Solaranlage-Besitzerinnen stets direkt begleitete, ist es nun zunehmend im Hintergrund tätig – mit Erfolg.

Porträtfotos Zevvy

Dicht an dicht reihen sich blauschwarze Rechtecke auf den Dächern. Aus der Vogelschau scheint fast jedes Haus in der Siedlung eine Haut aus Solarmodulen zu tragen. Die Szenerie im Videocall mit Cyrill Burch, Mitbegründer und CEO von zevvy, macht sofort klar, wofür das Unternehmen steht: Für Solarstrom, der in Siedlungen intelligent verteilt und abgerechnet wird.  

Ebenso klar ist, dass der CEO nicht wirklich vor dieser Siedlung sitzt, sondern sie als Hintergrundbild für den Videocall gewählt hat. Das ehemalige Start-up aus dem Umfeld der Hochschule Luzern hat seinen Hauptsitz noch immer auf dem Campus Horw. Dennoch ist das aktuell fünfköpfige Team aber oft im Homeoffice oder als digitale Nomaden irgendwo auf dem Globus unterwegs. «Ich habe beispielsweise diesen Winter drei Wochen von Spanien aus gearbeitet», so Burch. Damit der Teamgeist trotz des ortsunabhängigen Arbeitens funktioniere, brauche es geeignete Massnahmen. «Wir planen drei Mal im Jahr eine Intensivwoche, oft im Ausland.» Als nächstes gehe es nach Strasbourg. Sie waren aber auch schon auf einer Berghütte, in Hannover oder Sarajevo.

Um den Teamgeist zu stärken, finden jährlich bis zu drei Intensivwochen statt, oft auch im Ausland. Bootcamp in Sarajevo, 2024. 

Vom Smart-up-Programm zur AG 

2019 entwickelte das Start-up, das im Smart-up-Programm der HSLU begleitet und vernetzt worden war, ein Online-Tool. Damit kann ein Solaranlagebesitzer, der mit seinen Nachbarinnen und Nachbarn einen Zusammenschluss für den Eigenverbrauch (ZEV) gebildet hat, mit ein paar Klicks eine übersichtliche Stromrechnung für alle erstellen. Auch Heiz- und Wasserkosten sowie Ladestationen für Elektrofahrzeuge können mit zevvy abgerechnet werden.  

Die Innovation wurde bald mit zwei Awards belohnt. Mit den damit verbundenen Preisgeldern konnte die junge Firma ihre ersten Vollzeitstellen schaffen. 2021 folgte die Umwandlung der GmbH in eine Aktiengesellschaft mit Mitarbeiterbeteiligung. «Wir wollten, dass die Mitarbeitenden auch am Erfolg beteiligt sind», sagt Cyrill Burch. Nebst dem CEO sind auch zwei weitere Mitgründer, Fabian Jacobs und Manfred Meintjes, noch immer mit dabei.  

Bis sich jedoch der finanzielle Erfolg einstellte, mussten er und seine Mitstreiter sich aber noch etwas gedulden. «Bis Ende 2024 gab es noch viel in die Technologie zu investieren», so Burch. Besonders herausfordern und zeitintensiv sei es auch gewesen, Investoren von ihrem Produkt zu überzeugen. Rückblickend habe es aber diese Jahre gebraucht, um die Technologie reifen zu lassen. Oder mit den Worten von Mitgründer Leo Felber: «Eine Software ist wie ein Kleinkind. Es wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.» 

Zevvy wird White Label 

Ein erster grosser Erfolg war, als sie «enpuls», eine Tochterfirma des Energiewerks des Kanton Zürichs (EKZ) überzeugen konnte, zevvy zu nutzen. Ein weiterer Meilenstein folgte im Dezember 2025: eine Partnerschaft mit dem Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (ewz). Statt auf ein eigenes geschlossenes System zu setzen, nutzt die ewz heute für die Abrechnung von Solarstrom und Ladestationen die unabhängige, offene Plattform von zevvy. «Damit erhielten wir auf einen »Chlapf» ein grosses Portfolio in der ganzen Schweiz und sind definitiv ein sogenanntes White-Label-Produkt geworden», freut sich Cyrill Burch.

Das bedeutet, dass die ewz die Software unter ihrem eigenen Namen nutzt, ohne dass zevvy für die Kundinnen und Kunden sichtbar wird. Heute werden 20’000 Nutzeinheiten – darunter Wohnungen, Büros, Gewerbebetriebe – auf der zevvy-Plattform unter fremdem Logo abgerechnet. Im Frühling 2026 ist auch noch der Baselbieter Energieversorger Primeo dazugestossen. «Damit schliesst sich für uns ein Kreis», sagt CEO Burch. «Als Energiespezialist ist Primeo an der Front, berät und begleitet seine Mitglieder. Wir sind im Hintergrund tätig, können aber unsere Kundenerfahrung der ersten Jahre weitergeben.» 

Vom Dach in die Nachbarschaft: zevvy rechnet ab, wer wie viel Solarstrom innerhalb einer lokalen Elektrizitätsgemeinschaft (LEG) bezieht. Grafik: Elia Salvisberg

Vernetzung künftiger Elektrizitätsgemeinschaften 

Seit Anfang 2026 erhält zevvy zudem auch viele Anfragen betreffend lokalen Elektrizitätsgemeinschaften (LEG). Denn seit Januar ist es möglich, mittels einer LEG den Strom innerhalb derselben Gemeinde und im Bereich desselben Verteilnetzbetreibers zu verkaufen. «Wir erhalten oft Anfragen von verschiedenen Personen aus derselben Gemeinde», erzählt Cyrill Burch. Um sie miteinander zu vernetzen, haben er und sein Team die Website leg-register.ch erstellt. Denn auch wenn zevvy gewachsen und heute eher im Hintergrund tätig ist, bleibt die Vision dieselbe: Schweizer Haushalte dabei unterstützen, ihre Energiezukunft selbst in die Hand zu nehmen. Egal, ob der CEO und sein Team gerade in Horw, Spanien oder sonst irgendwo auf der Welt arbeiten. 

Interessiert?

Erfahren Sie mehr über den Bachelor of Science in Wirtschaftsingenieur | Innovation

Zum Studium

Was Sie sonst noch interessieren könnte

Installation Breathe with Pilatus mit farbigen Kissen am Boden und beleuchteter weisser Kuppel

«Räume müssen mit dem ganzen Körper erfahren werden»

Annabelle Schneider schafft mit ihren Installationen Räume, die Menschen auf der ganzen Welt berühren. Es sind Zufluchtsorte der Entschleunigung. Damit will die HSLU-Alumna einen Kontrapunkt zur Reizüberflutung der digitalen Welt setzen.

«Textilrecycling gibt es eigentlich nicht»

Ein Gespräch über Chancen und Grenzen eines Systems am Anschlag und über Wege zu einem echten Kreislauf für Textilien.
Kehrichtverbrennungsanlage mit Schornsteinen und Rauch

Das Unsichtbare einfangen: die Jagd auf CO2  

Um bis 2050 Netto-Null zu erreichen, braucht die Schweiz neue Wege, um die CO₂-Emissionen zu reduzieren. Sogenanntes Carbon Capture and Storage wird daher immer wichtiger. Dabei wird das Kohlenstoffdioxid noch vor Eintritt in die Atmosphäre abgefangen. HSLU-Ingenieur und Dozent Mirko Kleingries treibt zusammen mit seinem Team diese technische Entwicklung voran. Im Gespräch gibt er Einblicke in seine Arbeit.