Jana Freundt, ist es Ihnen persönlich wichtig, selbst entscheiden zu können?
Ja, definitiv. Es hängt aber stark vom Kontext ab. Beim Kochen zum Beispiel überlasse ich die Entscheidungen gerne meinem Partner (lacht).
Ihre Forschung zeigt, dass nicht nur Sie, sondern die Mehrheit der Menschen Wert darauf legt, selbst entscheiden zu können.
Richtig – und das unabhängig davon, ob ihnen dadurch ein konkreter Nutzen entsteht; es geht um einen Wert des Entscheidens an sich. Traditionell geht man in der ökonomischen Theorie davon aus, dass Menschen vor allem deshalb selbst entscheiden wollen, weil sie dadurch ihren «Nutzen maximieren», sprich die für sie beste Option wählen können. Wir konnten zeigen, dass für mehr als die Hälfte der teilnehmenden Personen das Entscheiden an sich einen Wert hat, unabhängig vom Ergebnis – wir nennen das Entscheidungsautonomie. Diese Idee hat eine lange Tradition in der politischen Philosophie, die einen universellen Wert der Freiheit ins Zentrum stellt. Wir sind die ersten, die diesen Wert empirisch identifizieren und messen.
Zur Studie
Forschende der Hochschule Luzern und der Universität Fribourg entwickelten ein experimentelles Verfahren, um zu untersuchen, welchen Wert Menschen darin sehen, Entscheidungen selbst zu treffen. Sie identifiziert einen intrinsischen Wert des Entscheidens, der unabhängig davon existiert, ob die Wahl der Person einen konkreten Vorteil bringt. Hierzu wurden individuelle Entscheidungssituationen kreiert, in denen die Teilnehmenden entscheiden müssen, ob sie eine Wahl selbst treffen oder eine andere ihnen fremde Person für sie die Entscheidung treffen soll. Für gut die Hälfte der Teilnehmenden war diese sogenannte Entscheidungsautonomie wichtig, knapp ein Fünftel war indifferent und gut ein Viertel zeigte eine Abneigung dagegen, selbst zu entscheiden.
Nun gibt es aber noch das Viertel der Studienteilnehmenden, das Entscheiden lieber delegiert. Hat Sie dieses Ergebnis überrascht?
Ja, sehr sogar.
In der Schweiz wird derzeit in Zusammenhang mit der Neutralitätsinitiative und dem Rahmenabkommen mit der EU ja intensiv über Mitsprache und direkte Demokratie diskutiert. Da wirkt Ihr Forschungsergebnis fast provokativ. Müssen wir uns Sorgen machen?
Nein. Unsere Studie zeigt nicht, dass diese Menschen grundsätzlich nicht mitbestimmen wollen. Sie zeigt vielmehr, dass Menschen unterschiedlich stark ausgeprägte Bedürfnisse danach haben, selbst entscheiden zu können. Interessant ist hier, dass es in der Schweiz einen substanziellen Anteil Wählerinnen und Wähler gibt, die bei einigen Abstimmungen wählen gehen, bei anderen nicht. Dies sind keine klassischen «Nichtwählende», sondern sie entscheiden je nach Thema unterschiedlich gerne mit. Massgebend dafür, ob jemand politisch engagiert ist oder überhaupt abstimmen geht, ist hingegen vor allem das Vertrauen in demokratische Institutionen. Das konnten wir in zwei anderen Untersuchungen aufzeigen. Für eine direkte Demokratie ist es also vor allem wichtig, die Hürden für politische Beteiligung möglichst tief zu halten und das Vertrauen in demokratische Institutionen zu stärken.
Weshalb möchten manche Menschen denn nicht selbst entscheiden?
Dafür gibt es unterschiedliche Gründe, die wir in unsere Studie nicht abschliessend beistimmen können. Manche möchten keine Verantwortung tragen, andere haben Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen oder sie später zu bereuen. Wieder andere empfinden Entscheiden schlicht als überfordernd und zu mühsam.
Heisst das, diese Menschen sind grundsätzlich weniger selbstbestimmt?
Nein, das Bedürfnis nach Autonomie ist, wie viele andere Präferenzen auch, stark vom jeweiligen Lebensbereich abhängig. Jemand möchte vielleicht im Beruf wenig Verantwortung übernehmen, organisiert dafür aber zu Hause den gesamten Alltag.
Die Mehrheit möchte selbst entscheiden – aber rund ein Viertel der Menschen sieht keinen Wert darin, Entscheidungen selbst zu treffen.»
Jana Freundt, Ökonomin
Sind die Präferenzen in Bezug auf die sogenannte Entscheidungsautonomie etwas, dass wir in uns angelegt haben, oder erlernen wir sie?
Wahrscheinlich beides. Unsere Wertvorstellungen entwickeln sich durch Erziehung, gesellschaftliche Normen und persönliche Erfahrungen. Gleichzeitig unterscheiden sich Menschen auch individuell. Deshalb gehen wir davon aus, dass persönliche Lebenswege, die eigene Veranlagung und kulturelle Einflüsse das Bedürfnis, entscheiden zu können, prägen.
Sie führten Ihre Untersuchung in verschiedenen Ländern durch, darunter China, die USA, Grossbritannien und diverse europäische Länder. Fanden Sie Unterschiede?
Ja, durchaus. Der durchschnittliche Wert, den Menschen der Entscheidungsautonomie beimessen, unterscheidet sich zwischen den Ländern. Gleichzeitig wollte überall eine Mehrheit selbst entscheiden. Eine substanzielle Minderheit jedoch zog in allen Ländern einen höheren Nutzen daraus, die Entscheidung zu delegieren. Dieser Anteil lang überall zwischen einem Viertel und einem Drittel der teilnehmenden Personen.
Das überrascht mich. Intuitiv würde man dies nicht erwarten.
Das haben wir tatsächlich so auch nicht erwartet. Ich ging davon aus, dass sich die kulturellen Unterschiede viel stärker zeigen. Stattdessen fanden wir in allen neun untersuchten Ländern dasselbe Grundmuster.
Sie forschen am Departement Soziale Arbeit zu Sozialpolitik. Was bedeuten Ihre Studienergebnisse für diesen Bereich?
Das Thema Autonomie gewinnt in der Sozialpolitik zunehmend an Bedeutung, so gibt es in allen Kantonen zum Beispiel Reformen, die darauf abzielen, dass betagte Menschen oder Menschen mit Beeinträchtigungen länger selbständig zuhause leben können. Die Möglichkeiten für autonome Entscheidungen im Alltag wird für diese Personengruppen gestärkt, was eine wichtige gesellschaftliche Entwicklung ist. Gleichzeitig zeigt unsere Forschung, dass Autonomie nicht für alle Menschen das Gleiche bedeutet. Das heisst, es sollte immer genügend Raum für individuelle Bedürfnisse geben.
«Gute Rahmenbedingungen schaffen Wahlmöglichkeiten. Wie viel jemand davon nützt, bleibt eine individuelle Entscheidung.»
Jana Freundt, Ökonomin
Gilt dies auch für die Arbeitswelt?
Absolut. Viele Unternehmen setzen heute im Sinne von «New Work» auf Selbstorganisation und Eigenverantwortung. Das kann sehr motivierend sein – aber eben nicht für alle. Deshalb plane ich mit Kollegen ein Forschungsprojekt, in dem wir untersuchen möchten, wie Arbeitsumgebungen gestaltet werden können, die unterschiedliche Bedürfnisse nach Autonomie berücksichtigen. Es muss nicht jede Person möglichst viele Entscheidungen treffen oder sich ständig selbst organisieren. Manche möchten Verantwortung übernehmen, andere erledigen ihre Aufgaben lieber innerhalb klarer Strukturen. Beides kann gleichermassen sinnvoll sein und sollte seinen Platz haben.
Es ist also völlig in Ordnung, nicht immer selbst entscheiden zu wollen?
Ja. Wer Verantwortung abgibt, gilt schnell als passiv oder wenig engagiert. Dabei ist das eine sehr vereinfachte Sicht. Menschen unterscheiden sich in ihrem Bedürfnis nach Entscheidungen – genauso wie bei ihrer Risikobereitschaft oder ihren Gerechtigkeitsvorstellungen. Gute Rahmenbedingungen schaffen deshalb Wahlmöglichkeiten. Wie viel jemand davon nützt, bleibt eine individuelle Entscheidung.