Interkulturelle Kommunikation: «Einander zuhören ist die eigentliche Arbeit»

Treffen unterschiedliche Kulturen zusammen, sind Fettnäpfchen nicht weit. Die Expertin Monika Simon erklärt, warum eine Auseinandersetzung mit sich selber und den eigenen Werten genauso wichtig ist wie Aufgeschlossenheit.

Bei interkultureller Kommunikation geht es im Kern um Werte.
Bei interkultureller Kommunikation geht es im Kern um Werte.

Monika Simon, Sie unterrichten interkulturelle Kommunikation, ein Gebiet, das die ganze Welt umfasst – wo fängt man da an?

Mit der Erkundung offensichtlicher kultureller Unterschiede. Ich frage unsere Studierenden nach ihren Erfahrungen: Welche interkulturellen Begegnungen haben sie gemacht? Wo sehen sie Fettnäpfchen? Dann rolle ich klassische «Dos» und «Don’ts» verschiedener Länder aus: Wie werden Geschäfte abgewickelt? Welche Gesten solle man wo vermeiden, weil sie als ordinär oder provokativ gelten? Wie übergibt man japanischen Geschäftsleuten eine Visitenkarte (mit zwei Händen, dem Schriftbild nach vorne und einer Verbeugung)? Welche Geschenke kommen für chinesische Geschäftspartner nicht in Frage (Wanduhren, weil sie an die Vergänglichkeit der Zeit erinnern)? Es gibt eine ganze Reihe «Interkultureller Knigge-Literatur», die besonders Geschäftsleuten als Survival-Kit weiterhilft. Allerdings ist dies nur die Spitze des Eisbergs, wenn es um interkulturelle Kommunikation geht.

Was ist der Teil, der unter Wasser liegt?

Im Kern geht es um Werte und darum, sich bewusst zu werden, wie tief sie uns selber prägen und wie anders vielleicht die Werte unseres Gegenübers sind. Das Problem ist, dass wir oft das Gefühl haben, sie seien naturgegeben und universell. Wir merken gar nicht, dass sie konstruiert und durch unsere Eltern und unsere Kultur vermittelt sind und deshalb nicht von allen geteilt werden.


Nach dem Semester beginnt die eigentliche Arbeit, das Beobachten, das Zuhören.

Wie nähert man sich diesen kulturellen Werten an?

Man versucht, sie zuerst einmal in verschiedenen Kulturdimensionen zu erfassen, zum Beispiel: Wie individualistisch oder wie kollektivistisch ist eine Gesellschaft? Wie risikofreudig oder wie stark sicherheitsorientiert ist sie? Welchen Stellenwert haben Hierarchien? Wie wichtig sind Karriere und Status?

Stösst man mit diesem Ansatz nicht auch an Grenzen?

Doch, auf jeden Fall! Man läuft damit Gefahr, Kultur als messbare Einheit zu betrachten und Nationen als homogene Gebilde zu sehen, in denen alle Individuen dieselbe Werte teilen. Am Ende des Semesters empfehle ich den Studierenden deshalb, ihre Bücher und Notizen wegzuwerfen. Denn jetzt beginnt die eigentliche Arbeit, das Beobachten, das Zuhören. So hat es zum Beispiel seine Richtigkeit, dass die Holländer weniger als wir Schweizer an Karriere und Status interessiert sind. Dieses Wissen darf mir aber nicht den Blick auf den Professor verstellen, der stolz ist auf seine Position an der Amsterdamer Universität.


Reisen führen zu punktuellen Begegnungen, aber nicht unbedingt zu einem Verständnis der Kultur, die die Menschen prägt. 

Ist es schwieriger, sich in einer ganz fremden Kultur zurechtzufinden, oder in einer, die zwar ähnlich, aber eben nicht gleich ist?

Eine Umfrage unter deutschen Managern, in welchen Ländern sie am meisten Schwierigkeiten haben, brachten erstaunliche Resultate: An erster Stelle nannten sie China. An zweiter Stelle kam dann gleich Frankreich. Es kann also beides schwierig sein, aber auf eine andere Art: Wenn man nach China geht, so erwartet man die Unterschiede und bereitet sich entsprechend vor. Wenn jedoch eine Schweizerin nach Deutschland oder Österreich zieht, ist ihr oft nicht klar, dass sie diese Art der Vorbereitung ebenfalls bräuchte. Durch meine Biografie erlebe ich jedoch nur schon innerhalb der Schweiz immer wieder Unterschiede. Ich bin in Lausanne und Genf aufgewachsen, habe in Basel studiert und lebe jetzt in Luzern. Dass man hier zum Beispiel den Buschauffeur grüsst, musste ich zuerst einmal lernen… (sie lacht).

Hilft Reisen dabei, im Umgang mit anderen Kulturen gewandter zu werden?

Reisen – auch Geschäftsreisen – führen zu punktuellen Begegnungen, aber nicht unbedingt zu einem Verständnis der Kultur, die die Menschen prägt. Es gibt einen wunderbaren Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens, in dem das Filmteam chinesische Touristen in der Schweiz begleitet, und ihre Gespräche verfolgt. Bei einer Fahrt auf den Titlis zum Beispiel unterhalten sie sich darüber, wie die Bauern hier wohl leben. Sie kommen zum Schluss, dass sie alle arm sind und höchstens für einen Viehmarkt ab und zu in die Stadt kämen. Da fragt man sich dann umgekehrt: Wie korrekt ist, was wir uns zusammenreimen, wenn wir zum Beispiel nach Thailand gehen? Wie viel lerne ich über die Erkenntnis hinaus: Die sind ganz anders.

Welche Social-Media-Plattformen wo genützt werden, hat viel mit politischen und wirtschaftlichen Faktoren zu tun.
Welche Social-Media-Plattformen wo genützt werden, hat viel mit politischen und wirtschaftlichen Faktoren zu tun.

Die obige Animation zeigt, dass in verschiedenen Ländern auch digital anders kommuniziert wird…

Digitale interkulturelle Kommunikation ist das Thema der Zukunft – das bisher noch viel zu wenig erforscht ist. Welche Plattformen wo genutzt werden, hat viel mit politischen und wirtschaftlichen Faktoren zu tun. Die eigentliche Frage ist jedoch, wie sich die Leute in verschiedenen Kulturen auf diesen Plattformen bewegen. Es gibt eine Studie, die die Nutzung von sozialen Plattformen an amerikanischen und koreanischen Universitäten vergleicht. Hier wurden deutliche Unterschiede festgestellt: Die koreanischen Studierenden pflegen engere Netzwerke und zeigen darin eine grössere Bereitschaft, Privates zu teilen als die amerikanischen Studierenden. Sie schirmen diese Netzwerke jedoch auch besser ab. Ausserhalb dieses geschützten Rahmens geben sie nur wenig persönliche Informationen preis. Auch in einer globalisierten Welt ist also das digitale Kommunikationsverhalten alles andere als einheitlich.

Interview: Senta van de Weetering
Bild: istock
Grafik: reflector.ch

Zur Person

Monika Simon ist als Kind deutscher Eltern in der Romandie aufgewachsen. Studiert hat sie in Basel, Paris und Lugano, heute lebt sie in Luzern und unterrichtet hier an der Hochschule seit 12 Jahren Interkulturelle Kommunikation am Departement Wirtschaft.

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