Martin Barth: «Das Hotel sollte neu gedacht werden»

Neben der Corona-Pandemie und dem Krieg in der Ukraine bereitet den Tourismus- und Gastrobetrieben der Fachkräftemangel Sorgen. Die Branche hat vor allem ein Imageproblem, sagt Martin Barth von der Hochschule Luzern. Wie ein besserer Ruf auch die Attraktivität der Jobs erhöhen könnte, erklärt der Tourismus-Experte im Interview.

Interview Fachkräftemangel Tourismus

Macht sich auch an der Hotel-Rezeption bemerkbar: der Fachkräftemangel in der Tourismusbranche.

Die Tourismusbranche sowie das Gastro- und Hotelleriegewerbe leiden seit Jahren an einem Mangel an Fachkräften. Die Corona-Pandemie hat die Lage weiter zugespitzt. Zwei Drittel der Angestellten im Gastgewerbe, die während der Pandemie ihren Job verloren und anschliessend etwas Neues gesucht haben, haben die Branche gewechselt. Insbesondere an der Rezeption, in der Küche und beim sogenannten Housekeeping – also beim Zimmerservice – fehlt es an Personal, wie Martin Barth berichtet. Er ist Programmleiter des CAS Tourismus für Quereinsteiger an der Hochschule Luzern und Experte für nachhaltige Entwicklung im Tourismus.

Martin Barth, der Fachkräftemangel hat der Tourismus- und Gastronomiebranche schon vor der Pandemie zu schaffen gemacht. Konnte die Branche die letzten zwei Jahre nutzen, um über die Bücher zu gehen?

Eine solche Krise wäre eine gute Gelegenheit, um sich mal den Spiegel vorzuhalten und die Lage selbstkritisch zu reflektieren. Die Tourismusbranche hätte diese Chance besser nutzen können. In den Medien liest man zurzeit vor allem, dass die Branche möglichst schnell zum Vor-Corona-Niveau zurückkehren möchte. Das entspricht aber nicht dem Zeitgeist.

Inwiefern wirkt sich dieses Bild der Branche negativ auf die Attraktivität der Jobs aus?

Gerade junge Menschen wollen in einer Branche arbeiten, die eine zukunftsorientierte und nachhaltige Arbeitsumgebung bietet. Das Gastrogewerbe, die Hotellerie und der Tourismus haben diesbezüglich leider nicht das beste Image.

Woran liegt das?

Die Branche ist sehr kleinteilig strukturiert. Die einzelnen Betriebe haben oft nicht das notwendige Know-how und nicht die Ressourcen, um Nachhaltigkeit, Innovation und Talentförderung wirkungsvoll voranzutreiben. Diese Tatsache verhindert häufig die Umsetzung von guten Ideen und Initiativen, die durchaus vorhanden wären.

Sie möchten es genauer wissen? Hier gibt es Zahlen und Fakten zum Fachkräftemangel in der Hotellerie und Gastronomie

Ende 2021 gab es in Schweizer Restaurantküchen 3’324 offene Stellen. Insgesamt arbeiten 76’000 Personen in diesem Berufsfeld. 75 Prozent aller Hotels (Mitglieder von HotellerieSuisse) spüren einen Mangel an Köchinnen und Köchen – beim Servicepersonal sind es 77 Prozent.

Knapp 34 Prozent der Köchinnen und Köche und 36 Prozent der Restaurantionsfachleute, die sich in Ausbildung befinden, lösen ihren Lehrvertrag auf. Zum Vergleich: Über alle Berufe hinweg lösen rund 21 Prozent der Lernenden ihren Ausbildungsvertrag auf.

Als Hauptgründe, die bei diesen Berufskategorien gegen eine Zukunft im Job sprechen, wird am häufigsten die fehlende Planbarkeit des Privatlebens genannt. Am zweithäufigsten werden die fehlende Wertschätzung durch Vorgesetzte und die Arbeitszeiten erwähnt.

Quellen: htr.ch / HotellerieSuisse / bfs / Lehrlingsbaromieter; HGU

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Welche Ideen zur Steigerung der Attraktivität von Gastrojobs kursieren?

Es gibt beispielsweise die Idee, in Gastro- und Hotelleriebetrieben bei gleichem Lohn die Viertagewoche einzuführen. Einzelne Schweizer Hotels setzen dies bereits um. Für eine Branche, in der die Arbeitszeiten sonst sehr anspruchsvoll sind, wäre das natürlich eine enorme Steigerung der Job-Attraktivität. Ich bezweifle jedoch, dass sich viele Betriebe solche Massnahmen leisten können.

Wieso?

Hotels wirtschaften in einem Umfeld, in dem die Margen generell sehr klein sind. Viele Hotels sind in erster Linie mit dem Überleben beschäftigt. In einem solchen System ist es schwierig, schon nur kleine Änderungen vorzunehmen – insbesondere dann, wenn sie ein finanzielles Risiko bedeuten. Da wäre es mittel- bis langfristig realistischer, das Hotel an sich neu zu denken.

«Die Schweiz ist nicht gemacht für Billigtourismus.»

Wie könnte das Hotel von morgen aussehen?

Hotels könnten neben Übernachtungen und Verpflegung weitere Dienstleistungen anbieten, wie beispielsweise die Betreuung von Kindern in einer Art Hotel-Kita oder die Kombination von Übernachtungen mit medizinischen Angeboten. Auch die Integration einer Poststelle oder eines Dorfladens im Hotel wäre eine Überlegung wert. Zu Zeiten des mobilen Arbeitens sind Arbeitsplätze ausserhalb der Büros gefragt. Hotels könnten ihr Angebot durch einen Co-Working-Space erweitern. Dadurch würden die Mitarbeitenden in einem Hotel weitere Aufgaben und Funktionen erhalten, die den Job spannender, abwechslungsreicher und dadurch attraktiver machen. Und so könnte es der Branche gelingen, sich der breiten Bevölkerung von ihrer positiven Seite zu zeigen und ihr Image generell zu verbessern.

Also leiden die Gastro-Jobs in erster Linie zu Unrecht an ihrem schlechten Image?

Viele Angestellte empfinden es als schöne Tätigkeit, andere Menschen zu bewirten und ihnen eine tolle Zeit zu ermöglichen. Wenn es der Branche gelingt, die negativ wahrgenommenen Bilder des «Overtourism» mit den überfüllten Touristen-Hot-Spots loszuwerden und sich in eine nachhaltigere Richtung zu entwickeln, wird sich auch das Image der Jobs in diesem Berufsumfeld verbessern.

«Die Gastro- und Hotelleriebranche ist äusserst beliebt bei Personen, die einen Karrierewechsel anstreben.»

Gibt es dafür schon Lösungsansätze?

Wir sollten wegkommen von noch mehr Wachstum und dafür rigoros auf Qualität statt Quantität setzen: weniger Gäste, die aber länger bleiben und bereit sind, während ihres Aufenthalts regionale Dienstleistungen zu beanspruchen. Die Schweiz ist mit ihren hohen Produktions- und Lebenshaltungskosten schlicht nicht gemacht für Billigtourismus.

Ein solcher Richtungswechsel würde nichts an der Tatsache ändern, dass eine grosse Anzahl an Arbeitskräften fehlt. Woher sollen diese Leute kommen?

Einerseits sind Gastronomie- und Hotelleriebetriebe nach wie vor wichtige Berufsbildungsstätten, die jedes Jahr eine Vielzahl an Lernenden ausbilden. Da geht es in erster Linie darum, durch attraktive Arbeitsbedingungen diese vornehmlich jungen Menschen in der Branche zu halten. Viel Potenzial sehe ich bei Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern. Interessanterweise ist die Gastro- und Hotelleriebranche äusserst beliebt bei Personen, die einen Karrierewechsel anstreben.

Was macht die Branche so spannend für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger?

Das Arbeiten in der Hotellerie und im Tourismus bietet die Möglichkeit, mit ganz unterschiedlichen Menschen in Kontakt zu kommen und international tätig zu sein. Das hat seinen Reiz. Viele entdecken ihre Leidenschaft für das Bewirten von Gästen erst spät und suchen dann eine Möglichkeit, niederschwellig eine neue berufliche Richtung einschlagen zu können. Dafür sind Jobs im Gastro- oder Tourismusbereich ideal.

Interessiert?

Das CAS Tourismus für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger ist die ideale Vorbereitung für den Quer- und Wiedereinstieg in die Tourismus-Branche.

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