Debattenkultur: «Streit in der Sache ist kein Angriff auf die Person» 

Orlando Budelacci leitet die Ethikkommission der HSLU und ist Integritätsbeauftragter. Im Gespräch erklärt er, warum offener Streit keine Bedrohung ist, sondern eine Voraussetzung für Demokratie. 

Mehrere Holzfiguren mit Sprechblasen in einer Diskussion

Orlando Budelacci, Sie leiten die Ethikkommission der HSLU, sind Integritätsbeauftragter und beschäftigen sich intensiv mit Fragen der KI und Ethik. Wie ordnen Sie die Bedeutung ethischer Leitlinien im Hochschulalltag ein? 

Ich beobachte eine stark steigende Nachfrage nach Orientierung in ethischen Fragen. Das hat mehrere Gründe. Einerseits ist die Komplexität von Welt und ihrer Problemlagen angestiegen, andererseits verunsichern insbesondere die technologischen Entwicklungen und werfen neue ethische Fragen auf, die wir bisher nicht beantworten mussten. Den Ruf nach Ethik deute ich als ein Verlangen nach Orientierung in unsicheren Zeiten. Ich finde es wichtig, dass Leitlinien dafür eingesetzt werden, um die Handlungsfähigkeit der Einzelnen zu stärken. Eine Gefahr möchte ich dennoch nicht verschweigen: die Vielzahl an Regeln schränkt die Autonomie des Einzelnen ein und kann seine Selbstverantwortung schwächen. 

Orlando Budelacci an einem Rednerpult im Hotel Schweizerhof Luzern
Orlando Budelacci

Der Code of Conduct der HSLU betont einen offenen und sachlichen Austausch, auch über kontroverse Standpunkte. Wie gut gelingt der HSLU das Ihrer Einschätzung nach aktuell? 

Offener Austausch verlangt Gelassenheit, Respekt und die Bereitschaft zur Kontroverse, ohne dass Diskussionen sofort als persönlicher Konflikt verstanden werden. In der Praxis gelingt dies oft, aber nicht durchgehend. Viele Themen in aktuellen gesellschaftlichen Debatten sind emotional aufgeladen und die Meinungen sind gemacht, insbesondere zu Themen wie Migration, Klimapolitik, militärische Aufrüstung, Ernährung und Gender etc. Die Bereitschaft zum offenen Dialog ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Haltung, die täglich neu eingeübt werden muss. Der Code of Conduct ist im besten Fall eine Aufforderung zum Gespräch, er ersetzt aber nicht die Erfahrung und das Vertrauen in die Praxis des Dialogs. Es ist aber wichtig für eine offen-liberale Gesellschaft, dass auch scheinbar unverhandelbare und tabuisierte Themen mit rationaler Argumentation geprüft und neu verhandelt werden können.  

«Verbotene Gedanken» – Vortragsreihe zur Redefreiheit

Darf man heute noch alles sagen? Diese Frage stellen sich Hochschulen, Bibliotheken und Museen zunehmend. Unter dem Titel «Verbotene Gedanken» haben sich fünf Luzerner Institutionen zusammengetan, um gemeinsam zu diskutieren, wie es um die Meinungs- und Kunstfreiheit steht – damals und heute. 

 

Von April bis Juni 2026 beleuchten Fachleute aus Wissenschaft und Kultur konkrete Beispiele: kirchliche Buchzensur, die Neutralitätspflicht von Bibliotheken, ein Luzerner Museumskünstler im Visier des Geheimdienstes oder ein historischer Fall von «Cancel Culture» aus dem gegenreformatorischen Luzern. Den Abschluss bildet eine Diskussion über das, was eine gesunde Streitkultur heute braucht. 

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Wo Sehen Sie die grössten Spannungsfelder zwischen einem respektvollen Miteinander und der freien Meinungsäusserung? 

In ihrem Ausmass neu ist die emotionale Gestimmtheit von Debatten. Wenn die Emotion regiert, dann erodieren die Fakten und die Bereitschaft, sich auf die Position des Gegenübers einzulassen. Soll man alles sagen dürfen, auch wenn es andere stark verletzt? Ich würde sagen, es gibt einen Anspruch auf einen respektvollen Umgang miteinander. Aber eine offene Gesellschaft muss auch mit starken Positionen umgehen können und darf sich nicht einschüchtern lassen, heikle Themen anzusprechen und darüber in einen produktiven Streit zu gelangen. 

Eine offene Gesellschaft muss auch mit starken Positionen umgehen können.

Haben Sie ein Beispiel dafür? 

Kürzlich habe ich die Illustratorin Coco an einer Tagung kennengelernt. Sie hat das Attentat auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo vor 10 Jahren in Paris überlebt und zeichnet dennoch weiter, manchmal obszön, angriffig und respektlos-witzig gegenüber den Mächtigen. Das sind wichtige Stimmen für eine Demokratie. Sie lässt sich nicht einschüchtern. Aber es braucht Mut, um bestehende Konventionen und Grenzen zu überschreiten und zu befragen.  

Der Code of Conduct der HSLU fordert, dass wir ohne ideologische Doktrin argumentieren. Ist das aus Ihrer Sicht realistisch? Und wie kann die HSLU diesem Anspruch näherkommen? 

Es braucht dafür die Bereitschaft, Alternativpositionen zur eigenen ernsthaft zu prüfen. Auch der eigene Standpunkt sollte als These verstanden werden, die immer wieder kritisch überprüft werden muss. Das Rezept gegen Ideologie ist das Training geistiger Beweglichkeit. Insbesondere kritisches Denken sollte meines Erachtens noch stärker in unseren Ausbildungen verankert werden. Wir sollten auch damit beginnen, den gepflegten Streit in Debattierclubs einzuüben. Solche Formate helfen uns zu lernen, dass der lustvolle Streit in der Sache kein Angriff auf die Person sein muss, die eine völlig andere Position als die eigene vertritt. 

Das Rezept gegen Ideologie ist das Training geistiger Beweglichkeit.

Wie kann eine Hochschule Räume schaffen, in denen kontroverse Themen offen, respektvoll und angstfrei diskutiert werden können? 

Mir scheint es wichtig, dass diese Diskussionen nicht allein in exklusiven Räumen stattfinden, sondern dass offene und inklusive Debatten überall geführt werden: in der Ausbildung, in der Forschung, in Gremien und überall dort, wo sich diese Fragen stellen. Ich persönlich empfinde das als eine Verantwortung für die Gesellschaft und auch für die Festigung demokratischer Werte. Kürzlich war ich Gast in der Primarschule Kriens und habe mit Schülerinnen und Schüler über die Frage der Gerechtigkeit diskutiert. Es hat meine Ansicht bestätigt, dass Reflexion extreme Sichtweisen verhindert und gar nicht früh genug eingeübt werden kann.

Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Ethik, Philosophie und KI. Haben sich Ihre Vorstellungen darüber, wie wir verantwortungsvoll mit Informationen umgehen sollten, im Laufe der Zeit verändert? 

Informationen durchdringen unseren Alltag; früher waren Informationen an physische Träger gebunden. Angesichts dessen würde ich behaupten, dass derzeit unsere Orientierung in der Welt durch technologisch vermittelte Informationen neu konstruiert wird. Informationen sind also heute Grundlage unserer Realität, unserer Kommunikation, unserer Wirtschaft unserer Kultur. Diese gewichtigen Verschiebung zu verstehen und zukunftsgerichtet nach ethischen Prinzipien zu gestalten, gehört zu den wichtigsten Herausforderungen unserer Gegenwart. 

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