Florian Krautkrämer, Sie befassen sich als Filmwissenschaftler intensiv mit Zombies in der Popkultur und halten gar Vorträge zum Thema. Wie wird man eigentlich Zombie-Experte?
Mich interessieren Horrorfilme sowohl privat als auch beruflich als Filmwissenschaftler. Es gibt in diesem Genre viel Schund, aber die herausragenden Werke schaffen Bildwelten, die man sonst nirgendwo im Kino findet. Zudem ist der Horrorfilm ein geschützter Raum: Man gibt sich anderthalb Stunden der Furcht hin und weiss, dass sie nichts mit dem eigenen Leben zu tun hat.
Mit «Resident Evil» ist diesen Herbst schon wieder ein Zombiefilm in den Kinos angelaufen. Warum sind Zombies noch immer ein Dauerbrenner?
Als Figur eignet sich der Zombie hervorragend, um aktuelle Ängste aufzugreifen und zu repräsentieren. Es geht meist um mehr als nur die Angst vor Untoten.
Mit welchen Ängsten fing es an?
In den 1920er- und 1930er-Jahren sickerte der Zombie während der US-Besatzung Haitis in die amerikanische Popkultur ein, dabei hatte er nur entfernt etwas mit der Figur der Voodoo-Religion, die dort praktiziert wurde, zu tun. In den US-amerikanischen Schauergeschichten war er ein Arbeitssklave, per Voodoo wiedererweckt, um auf Zuckerrohrplantagen zu schuften. Richtig unheimlich wurde es fürs Publikum erst 1932 mit «White Zombie», dem ersten abendfüllenden Zombiefilm. Dass Schwarze als Zombies arbeiteten, war man aus kolonialen Erzählungen gewohnt. Dass nun Weisse zu Arbeitssklaven wurden, schockierte. Der Film erschien mitten in der Grossen Depression und traf die Furcht, zur reinen Arbeitskraft degradiert zu sein, ohne dass selbst der Tod Erlösung bringt.
Schwarze, die als Zombies dargestellt werden. Hat das Genre auch ein Rassismusproblem?
Es hat eine rassistische Geschichte. Bis in die 1940er-Jahre hinein wurden in vielen Zombiefilmen schwarze Zombies besonders lächerlich dargestellt. Und es war meist ein weisser Hexenmeister, der sie befehligte. Aber selbst in einem neueren Blockbuster wie «World War Z» gibt es noch immer rassistische Elemente. Im Film schotten sich weisse Protagonisten gegen Horden von Menschen anderer Hautfarbe ab. Es gibt eine berühmte Szene, in der Zombiemassen die Mauer in Jerusalem überwinden. Sie wurde auf Malta gedreht, einem Brennpunkt der europäischen Flüchtlingsdebatte. Solche Bilder bedienen Ängste vor Überfremdung, oft ohne jede kritische Reflexion.
Viele Zombiefilme sind extrem brutal. Die Überlebenden malträtieren die Zombies regelrecht. War das immer so?
Nein. Die Voodoo-Zombies beispielsweise waren keine direkte Bedrohung für die Lebenden. Der Zombie fungierte auch als eine Art Spiegel. In «Dawn of the Dead» von 1978 strömen die Untoten aus alter Gewohnheit ins Einkaufszentrum, und es fällt der Satz «They’re us», sie sind wie wir. Heute wird die Erzählung oft darauf reduziert, menschenähnliche Wesen guten Gewissens zu massakrieren. Das finde ich hochproblematisch. Denn Kriegsberichte zeigen denselben Mechanismus: Der Gegner muss erst entmenschlicht werden, damit man ihn hemmungslos töten kann.
Zur Person
Florian Krautkrämer ist seit 2018 Professor am Departement Design Film Kunst der Hochschule Luzern. Er lehrt und forscht zu Geschichte, Theorie und Ästhetik des Films. Mit Michael Fürst und Serjoscha Wiemer gab er den Band «Untot. Zombie Film Theorie» heraus. Online und auf Englisch ist erschienen «Mobilizing the undead: Zombie films and the discourse of otherness from the 1930s to post-millennial cinema».
Einen Vortrag zum Thema Zombie gibt es in Luzern am Samstag, 31. Oktober um 21 Uhr im Atelier solerluethi auf der Reussinsel 59.
In den 1960er-Jahren hat Regisseur George Romero dem Genre neues Leben eingehaucht. Noch heute sind seine Filme legendär und gelten als absolute Klassiker. Was hat er anders gemacht?
Er vollzog 1968 mit «Night of the Living Dead» einen radikalen Bruch. Seine Zombies fressen erstmals Menschenfleisch, und man wird nicht mehr durch einen Voodoo-Zauber zum Untoten, sondern durch Ansteckung. Dazu kam der unstillbare Hunger. Das erlaubte neue Deutungen: Kritik an einer Konsumgesellschaft, die nie genug bekommt, oder die Traumata moderner Kriege, aus denen Menschen innerlich abgestumpft zurückkehren.
Haben sich die Ängste seitdem weiter verändert?
Ja, heute thematisieren viele Zombiefilme oder auch Serien den technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt, der sich nicht mehr kontrollieren lässt. Auslöser der Invasion sind fast immer missglückte Militärexperimente oder skrupellose Konzerne, etwa in «Resident Evil» oder «28 Days Later». Übernatürliche Erklärungen gibt es kaum noch, die Bedrohung kommt aus dem Labor. Diese Welle hält nun schon rund 25 Jahre an. Das ist bemerkenswert lang.
Welche Ängste könnten in Zukunft in Zombiefilmen verarbeitet werden?
Ich sehe in der Debatte um künstliche Intelligenz grosses Potenzial für eine Neubelebung des Motivs. Der Zombie ist historisch eng mit Arbeit verknüpft: ein willenlos Getriebener ohne Autonomie. Durch KI entsteht eine neue Angst, die menschliche Arbeit zu verlieren. Dabei wird nicht die KI zum Zombie. Der Mensch läuft Gefahr, zum fremdgesteuerten Zombie der Maschinen zu werden. Ein wesentliches Thema in Zombiefilmen ist die Angst vor Ansteckung. Wird man von einem Zombie gebissen, schlurft man wenig später selbst als Untoter durch die Gegend.
Ich wünsche mir einmal eine Geschichte, in der die Menschheit die Krise gemeinsam überwindet.
Florian Krautkrämer, Zombie-Experte
Wie haben Sie als Zombieforscher die Corona-Pandemie erlebt?
Für die Forschung war sie fast ein Reallabor. Plötzlich traten die Dynamiken auf, die man aus diesen Filmen kennt: die Angst vor Übertragung, die Spaltung zwischen Übervorsichtigen und jenen, die Massnahmen unterlaufen wollten, bis hin zu staatlichem Zwang. Geholfen hat mir das Wissen aber nicht. Die Realität war viel zu ernst.
Die Corona-Pandemie konnte einigermassen gut überwunden werden, weil die Solidarität der Menschen relativ gross war. Ganz anders sieht das in den meisten Zombiefilmen aus. Dort überlebt, wer skrupellos an die eigenen Bedürfnisse denkt. Stört Sie das?
Das ist die eigentliche Tragödie des Zombiefilms: Selten sind die Untoten verantwortlich für den Untergang, meist ist es das Unvermögen der Menschen, angesichts der Bedrohung zusammenzuarbeiten. Theoretisch müsste der Zombie zu Solidarität führen. Ich wünsche mir einmal eine Geschichte, in der die Menschheit die Krise gemeinsam überwindet. Im Moment dominiert fast nur das Prinzip «jeder gegen jeden».
Wer nun Appetit auf Hirn – ähm – Zombiefilme bekommen hat. Ihre Filmtipps für den Halloween-Abend auf dem Sofa?
Die beiden Romero-Klassiker «Night of the Living Dead» und «Dawn of the Dead». Sie funktionieren bis heute grossartig und bieten enorm viel Tiefgang. Als Geheimtipp «The Battery», eine extrem günstig gedrehte Independent-Horrorkomödie, die grösstenteils in einem festsitzenden Auto spielt. Ansonsten gäbe es an Halloween auch noch die Möglichkeit, einen Vortrag von mir zum Thema zu hören.
Und für alle, die lieber lesen?
«World War Z» von Max Brooks. Das Buch hat mit dem Kinofilm praktisch nichts zu tun. Überlebende erzählen darin Jahre später, wie die Katastrophe begann. Und ganz neu Anne de Marckens Roman «Es währt für immer und dann ist es vorbei»: ein literarisches Meisterwerk, poetisch und zutiefst berührend. Er ist aus der Sicht eines Zombies geschrieben, der sich langsam auflöst. Zeitgefühl und Erinnerungen verblassen, wie beim Altern.
Falls schon bald die Zombie-Apokalypse ausbricht, weil die KI ein Zombievirus auf die Menschheit loslässt: Welche Überlebenstipps geben Sie uns als Zombie-Experte?
Ich würde so schnell wie möglich Anschluss an andere Menschen suchen. Alleingänge sind selten von Erfolg gekrönt. Dann bräuchte es einen gut befestigten Ort, am besten nicht neben einem Friedhof. Und ich würde strikt Max Brooks‘ «The Zombie Survival Guide» befolgen: niemals mit dem Auto auf verstopfte Strassen fahren und keine verlassenen Autos öffnen, in denen noch angeschnallte Infizierte sitzen.
Und welche Waffe würden Sie gegen die Zombies wählen?
Ich habe noch nie geschossen und wäre auch mit der Kettensäge ungeschickt. Es bliebe wohl eine Axt oder ein Baseballschläger.