Michael Grund, nachdem der Iran die Strasse von Hormus geschlossen hat, droht Donald Trump nun selbst mit einer Blockade. Dutzende Schiffe mit wichtigen Gütern für die Weltwirtschaft liegen in Häfen fest. Welche Güter sind neben Öl und Gas besonders betroffen?
Vielen ist nicht bewusst, wie fragil unsere Lieferketten sind. Beim Erdöl merkt man die Blockade durch die gestiegenen Benzinpreise noch am direktesten. Aber es gibt zahllose Abhängigkeiten, die weniger sichtbar sind oder erst mit Zeitverzögerung sichtbar werden: Helium etwa ist in bestimmten Industrien wie bei der Herstellung von Computer-Chips oder für die Pharmaindustrie unverzichtbar. Oder Ammoniak für die Düngemittelproduktion.
Warum spielt die Wasserstrasse auch für die Schweiz und Europa eine Rolle? Über 80 Prozent des transportieren Öls gelangt ja nach Asien.
Mit diesem Öl werden in Asien Güter produziert, die als Vorprodukte in europäische und amerikanische Lieferketten fliessen. Eine Blockade der Strasse von Hormus trifft also nicht nur die Ölversorgung direkt, sondern auch indirekt eine Reihe von anderen Lieferketten, weil ihnen wichtige Bausteine entzogen werden oder sich bestimmte Rohstoffe, Vorprodukte etc. verteuern. Das merken wir aber nicht von heute auf morgen. Es dauert, bis die Wirkungen im ganzen Lieferprozess bei den Konsumgütern ankommen. Beim Benzinpreis war die Auswirkung an den Zapfsäulen aber unmittelbar zu spüren.
Bis das Rohöl transportiert, durch Raffinerien verarbeitet und an der Tankstelle angekommen ist, vergehen Wochen, manchmal sogar Monate. Es darf bezweifelt werden, dass die unmittelbaren Preisreaktionen an den Tankstellen stets sauber mit veränderten Rohstoffkosten begründbar sind.
Iran und USA blockieren Strasse von Hormus
Am 28. Februar 2026 begannen US-amerikanische und israelische Streitkräfte den Irankrieg 2026. Der Iran sperrte daraufhin die Strasse von Hormus. Statt bisher rund 138 Schiffen täglich passierten nur noch vereinzelte Tanker die Meerenge.
Am 8. April einigten sich die USA und der Iran auf eine zweiwöchige Waffenruhe. Der Iran öffnete die Strasse wieder. Verlangt seither jedoch eine Durchfahrtsgebühr von einem US-Dollar pro Barrel Öl, zahlbar in Bitcoin.
Ab dem 13. April konterte Washington mit einer eigenen Blockade, die Schiffe aller Nationen betrifft, die iranische Häfen anlaufen oder verlassen. Die tatsächliche Durchsetzung bleibt schwierig. Der Iran verfügt weiterhin über das Potenzial für Angriffe auf die zivile Schifffahrt, zudem meiden viele Schiffe die Mitte der Meerenge wegen vermuteter Minen.
Die Sperrung hat die Weltmärkte erschüttert: Nach EU-Schätzungen sind die Gaspreise um rund 70 Prozent und die Ölpreise um rund 50 Prozent gestiegen. Der europäische Gaspreis erreichte im März den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren. Die Internationale Energieagentur koordinierte die Freigabe von 400 Millionen Barrel Öl zur Marktstabilisierung – bislang mit unzureichender Wirkung.
Was kann die Politik in einer solchen Situation tun?
Polen hat die Mineralölsteuer zeitweise halbiert und damit den Spritpreis spürbar gesenkt. Das zeigt, dass es politischen Spielraum gibt. Das bedeutet aber, dass dem Staat Einnahmen fehlen. Der eigentliche Rohstoffanteil im Literpreis ist kleiner als viele denken. Steuern, Raffinerie und Transport machen den weitaus grösseren Teil aus.
Griechenland hat eine Deckelung der Gewinnmargen für Benzin und Diesel eingeführt. Auch für uns eine Option?
Ich bin grundsätzlich ein Verfechter der freien Marktwirtschaft. Wenn solche Eingriffe einmal beginnen, dann werden die Rufe danach auch in anderen Bereichen lauter.
Wie gravierend könnte die Lieferketten-Krise durch die Blockade der Strasse von Hormus werden?
Ich bin kein Pessimist. Lieferketten lassen sich reorganisieren, wenn auch meist mit Mehrkosten, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Für echte Verknappungen im Alltag müsste eine Störung schon erheblich länger andauern als einige Wochen. Aber es sind natürlich Szenarien denkbar, in den Folgeentwicklungen auf wirtschaftlicher und/oder politischer Ebene zu weiteren Problemen führen können.
Wie ist es eigentlich zu dieser grossen Abhängigkeit bei den Lieferketten gekommen?
Jahrzehntelang haben Unternehmen konsequent ihre Kosten gesenkt. Die dahinterstehende Logik ist simpel: Wer grosse Mengen bei einem einzigen Lieferanten bündelt, bekommt den besten Preis. Diese Praxis wird als Single Sourcing bezeichnet. Das Problem dabei ist jedoch: Wenn dieser eine Lieferant ausfällt, steht man vor dem Nichts.
Haben Sie ein konkretes Beispiel, wie dieses so genannte Single Sourcing zum Problem werden kann?
Zum Beispiel als der Krieg in der Ukraine begann. Dort wurden massenhaft Kabelbäume für die Automobilindustrie produziert. Als die Lieferungen ausblieben, kam die Produktion zum Erliegen. Solche Komponenten kann man nicht einfach morgen irgendwo anders kaufen. Das erfordert spezialisiertes Know-how, spezialisierte Maschinen und eingespieltes Personal. Zudem werden viele Komponenten erst beim Lieferanten bestellt, wenn sie unmittelbar im Produktionsprozess gebraucht werden.
Müssen wir für Krisenzeiten grössere Lagerbestände aufzubauen?
Das ist eine Gratwanderung. Denn das Problem grosser Lager ist, dass sie Platz brauchen und Geld kosten. Unternehmen müssen sich überlegen, wie sie einen Mittelweg gehen können. Sie benötigen ein Lager, um Notfälle zu überbrücken – so gross wie nötig, so schlank wie möglich, damit die Kosten nicht zu hoch sind.

Bild: Die Strasse von Hormus
Wechseln wir vom privaten Unternehmen zu Staaten. Wie verletzlich ist die Schweiz bei Unterbrechungen von Lieferketten?
Die Schweiz ist ein kleines, hochspezialisiertes Land, das stark von Importen abhängig ist. Das funktioniert gut, solange die Welt ruhig bleibt. Bei versorgungskritischen Gütern haben wir uns über Jahrzehnte auf globale Lieferketten verlassen, ohne gross darüber nachzudenken, was passiert, wenn diese unterbrochen sind. Ein Beispiel ist die Abhängigkeit bei Antibiotika. Ein Grossteil der Wirkstoffe wird in Asien, vor allem in Indien und China, produziert. Wenn dort die Produktion stockt oder Exportbeschränkungen eingeführt werden, haben wir ein Problem, das sich nicht kurzfristig lösen lässt. In der Corona-Pandemie haben wir konkret gesehen, wie schnell bestimmte Medikamente oder Masken knapp werden können.
Ist es realistisch, Güter wie Antibiotika wieder vermehrt in Europa herzustellen und müsste hier der Staat eingreifen?
Denkbar ist das natürlich – und es müsste sicher auch für gewisse Produkte mit hoher Bedeutung für die Gesundheit der Bevölkerung geprüft werden.
Ergibt die Globalisierung für kritische Güter überhaupt Sinn?
Wir müssen als Gesellschaft eine ehrliche Diskussion führen: Was wollen wir selbst herstellen? Was muss zumindest auf europäischer Ebene verfügbar bleiben? Das kostet mehr. Die Alternative ist eine Verletzlichkeit, die wir uns eigentlich nicht leisten können. Die Bandbreite möglicher Konsequenzen ist gross. Im «einfachsten» Fall werden Lieferketten gestört, Im schlimmsten Fall fehlen Medikamente für die Behandlung schwer kranker Menschen. Bei bestimmten, möglicherweise extrem kritischen Produkten – etwa Medikamente – müsste sicher über ausreichende Pflichtlager und/oder Anreize zu lokaler Produktion nachgedacht werden – ohne in eine Planwirtschaft abzudriften.
Welche Lehren sind aus der momentanen Situation zu ziehen?
Unternehmen müssen Resilienz stärker gewichten. Einfach nur die Kosten zu senken und bis auf den letzten Rappen zu optimieren ist mit entsprechenden Risiken verbunden. Das ist ein Stück weit Vergangenheit. Kritische Güter müssen von mehreren Quellen bezogen werden. Auch wenn es mehr kostet.
Wie können Konsumentinnen und Konsumenten auf solche Krisen in der Lieferkette reagieren?
Grundsätzlich ist es so, dass Unternehmen ja das anbieten, was auch nachgefragt wird. Wenn mehr Produkte aus lokaler Produktion gekauft und entsprechende Preise gezahlt werden, dann werden solche Produkte auch vermehrt angeboten. Ein Stück weit können wir also über unsere Kaufentscheidungen das Angebot mit beeinflussen. Und grundsätzlich ist eine ganz individuelle Vorsorge für einen Krisenfall nicht verkehrt. Dass man sich versorgen kann, wenn zum Beispiel der Strom für einige Tage ausfallen würde.