Evi Gallmetzer, wir brauchen die Stimme, um zu kommunizieren. Warum ist sie auch darüber hinaus wichtig für Menschen?
Sie ist eines der einzigartigen Merkmale unserer Persönlichkeit. Per-sonare bedeutet durchklingen. Wenn wir unsere Stimme brauchen, klingt und vibriert der gesamte Körper, mit all seinen Knochen und Resonanzräumen. Und diese Schwingung ist wichtig für unsere Eigenwahrnehmung und für unser Wohlbefinden. Zudem drücken wir durch unsere Stimme unsere Gefühle und Stimmungen aus. Stimme und Stimmung haben ja denselben Wortstamm. Mit der Stimme können wir zum Beispiel auch unabhängig von den Worten, die wir verwenden, andere beruhigen und sogar bei uns selbst Stress regulieren.
Durch die Stimme?
Ja, zum Beispiel durch Summen. Summen aktiviert den Vagusnerv, der bei Stressregulierung eine wichtige Rolle spielt, wie Studien gezeigt haben.
Gleichzeitig hört man der Stimme starke Emotionen oder Stress ja auch an.
Ja, ich finde das schön, wenn Emotionen in der Stimme hörbar sind. Das ist ehrlich und authentisch. Wenn wir zum Beispiel mit nahestehenden Menschen telefonieren, merken wir sofort an der Stimme, wie es ihnen geht. Im professionellen Kontext schulen wir die Stimme und lernen, sie für unseren Arbeitsalltag zu kontrollieren. Die Sprechstimme kann genauso wie die Singstimme ausgebildet und trainiert werden.
Was passiert eigentlich im Körper, wenn wir sprechen oder singen?
Die Atemluft bringt die Stimmlippen in Vibration, so entsteht ein Ton. Oberhalb der Stimmlippen wird dieser Klang durch die Resonanzräume und Knochen verstärkt und zur individuellen Sprech- und Singstimme geformt. Da wir alle individuelle Körper haben, ist auch unsere Stimme einzigartig.
Evi Gallmetzer zeigt einige Stimmübungen, die sich für Laien und Profis eignen. Zu Beginn: Mit dem «Kutschersitz» die Tiefatmung trainieren.
Warum hören wir unsere eigene Stimme anders als andere Menschen?
Wir haben zwei Klangleitungen zum Ohr: Wir hören uns selbst von aussen – wenn wir sprechen, geht der Klang in den Raum, das Ohr nimmt ihn auf und er gelangt vom Innenohr ins Gehirn. Die zweite Leitung ist die innere Leitung – vom Kehlkopf über die innere Knochenleitung zum Innenohr und wieder zum Gehirn. Das Gehirn mischt diese beiden Klänge; wir hören einen Kombinationsklang. Das heisst, wir hören uns so, wie kein anderer Mensch uns hört. Deshalb klingt unsere eigene Stimme in einer Aufnahme für uns etwas heller und weiter entfernt.
Warum klingt jede Stimme anders?
Da spielen der Körperbau, der Kehlkopf, die Länge und die Masse der Stimmlippen wie auch die Beschaffenheit von Resonanzräumen und Knochen eine Rolle. So entsteht bei jedem Menschen ein einzigartiger Stimmklang. Stimme hat auch viel mit der Muttersprache zu tun. Die verschiedenen Sprachen haben verschiedene Resonanzplatzierungen im Brustkorb und im Kopf. Denken Sie nur an die verschiedenen Dialekte der Schweiz: der Basler Dialekt klingt anders als Walliser Deutsch.
Weiter gehts mit den Übungen. «Lippenflattern» ist eine Aufwärmübung für die Stimme – und vielleicht auch für die Stimmung im Büro.
Wie stark wird unsere Stimme von weiteren äusseren Faktoren wie gesellschaftlichen Normen und Erziehung geprägt?
Sehr stark. Sprechen lernen wir von unseren Eltern, von unserer Familie. Das Wort Muttersprache sagt das ja aus: Wir sprechen wie unsere Mutter. In dieser Sprache, in diesem Dialekt, mit allen Eigenarten der Familie. Und die Sprechstimme der Frauen war vor 80 Jahren bedeutend höher. Das können wir in alten Schwarzweissfilmen hören. Dass die Stimme der Frauen nun um einiges tiefer ist, hat auch mit der Sozialisierung und mit veränderten gesellschaftlichen Erwartungen zu tun. Eine tiefere Stimme gilt als kompetent und professionell.
Wie verändert sich die Stimme im Laufe des Lebens?
Die Kinderstimme ist hoch – bei Mädchen und Jungen auf der gleichen Tonhöhe. Dann kommt die Mutation, im Alltag Stimmbruch genannt. Der Stimmapparat wächst dabei. Bei Jungen verdoppelt sich die Länge der Stimmlippen, bei den Mädchen wachsen sie deutlich weniger. Dadurch liegen die Männerstimmen ungefähr eine Oktave tiefer als die der Frauen. Im hohen Alter gleicht sich die Stimme wieder etwas an: die Stimme der Männer wird höher, die der Frauen tiefer. Sie sind manchmal am Telefon nicht zu unterscheiden.
Warum werden die Stimmen im Alter oft brüchig?
Die Stimmlippen verlieren an Flexibilität, die Knorpel verknöchern, die Aussprache wird undeutlich, nuscheliger, weil die Zunge weniger gut gesteuert wird durch das Nervensystem. Oft trinken ältere Menschen zu wenig Wasser, sodass die Stimme dehydriert.
enCHanting Lucerne – Kongress für Gesangspädagogik, -kunst und -forschung
Vom 20.–22. August 2026 wird Luzern zum internationalen Treffpunkt für Gesangspädagogik, -kunst und forschung. Unter dem Titel enCHanting Lucerne bringt der englischsprachige Kongress Menschen zusammen, die sich für die Zukunft des Singens interessieren, in Keynotes, Workshops, Konzerten und im interdisziplinären Austausch.
Gesang ist flüchtig, Musik existiert nur im Moment. Sie braucht Raum, Zeit und Menschen, die hören und singen. Keine künstliche Intelligenz macht Live-Musik entbehrlich, solange Menschen ihre Stimmen erheben.
Singen ist kein Zauber, sondern ein Handwerk – erlernbar, vermittelbar, lebendig im Dialog. Diesem Spannungsfeld widmet sich die Eurovox 2026: den Techniken des Singens, den Ressourcen der Stimme und der Verantwortung derjenigen, die sie lehren. Über 50 Workshops vertiefen die Themen, Konzerte öffnen den Raum für gemeinsames Erleben.
Unter den renommierten Referentinnen und Referenten befinden sich neben Evi Gallmetzer, Charlotte Hug, Veronika Lubert, Edward Rushton und Nadja Räss zahlreiche weitere Lehrpersonen der Hochschule Luzern.
Gastgeberin ist die EVTA Schweiz (European Voice Teachers Association).
Detailprogramm: www.eurovox.eu
Kann man die Sprechstimme gezielt verändern?
Ja, sie kann genauso wie die Singstimme trainiert werden. Zu mir kommen auch Menschen, die mit ihrer Sprechstimme nicht zufrieden sind. Sie klingt zu leise, zu hoch oder brüchig. Dann arbeiten wir daran, dass sie zu ihrer eigenen Indifferenzlage finden. Das ist der sogenannte «best range», die Lage, in der die Stimme am klangvollsten ist, ohne Anstrengung. Diese Arbeit kann man sich analog zur Singstimme vorstellen: Ich mache Haltungs- und Atemübungen, Übungen für Klang, Artikulation und Resonanz, einfach ohne Töne.
Damit wären wir beim Thema Singstimme, Ihrem eigentlichen Metier. Sie unterrichten an der Hochschule Luzern Musik Stimmbildung und Gesangspädagogik. Wie sind Sie selbst zum Singen gekommen?
Wir haben in unserer Familie zusammen gesungen und Hausmusik gemacht. Singen ist seit meiner frühesten Kindheit ein Teil meines Lebens. Meine Tante war Opernsängerin.
Können grundsätzlich alle Menschen singen?
Davon bin ich überzeugt. Alle Menschen haben das Instrument dafür in sich. Kinder können singen, wenn sie dazu angeleitet und animiert werden. In allen Kulturen der Menschheit wird gesungen. Durch Singen kann die Seele Freude, Trauer und vieles mehr ausdrücken, und das tut gut.
Zum Aufwärmen der Resonanzräume im Kopf: «Mmmmmm – Vokal – ngngngngngng»
Sie leiten auch einen Chor für Menschen, die glauben, nicht singen zu können. Warum?
Weil ich immer wieder Menschen begegne, die sagen: «Ich würde gerne singen, aber ich kann es nicht.» Ich glaube, dass auch Erwachsene, die noch nicht gesungen haben, singen lernen können und mit Freude mit ihrer Stimme musizieren können. Oft berichten sie, jemand hätte zu ihnen gesagt, dass sie nicht singen können. Meinen Studierenden lege ich ans Herz, den Satz «Du kannst nicht singen» niemals zu sagen. Das kann verletzen und dazu führen, dass dieser betroffene Mensch nie mehr singt.
Was unterscheidet die Arbeit mit Laien von jener mit Profis?
Die Ziele sind andere, und auch die Begabungen und Voraussetzungen. Doch die Arbeit, die ich mache, ist in der Basis die gleiche: Körper- und Atemarbeit, Stimmbildung, Gesangstechnik und Arbeit an Gesangsliteratur. Laien soll Singen zuallererst Freude machen, Berufsstudierende wollen auf die Bühne und professionell singen.
Ha! He! Hi! Ho! Hu! – das wärmt die Stimme auf!
Der Unterschied im Resultat ist ja riesig – zwischen Singen im Familienkreis und auf einer Bühne ein ganzes Orchester übertönen können. Was braucht es, dass man eine Chance hat, dahin zukommen?
Grundvoraussetzung sind eine schöne Stimme, die körperlichen Disposition, hohe Musikalität und künstlerische Intelligenz. Darüber hinaus braucht es einen starken Willen, Mut und gute Nerven, um vor einem Publikum überzeugend zu performen. Dazu Gestaltungswillen, ganz viel Fleiss. Und in meiner Erfahrung ist auch Körperintelligenz wichtig, also die Fähigkeit, die inneren Körperabläufe zu koordinieren. Der Klang entsteht beim Singen im Körper und nicht aussen. Stimme kann ich nicht anfassen oder gar sehen. Nur hören und taktil wahrnehmen, also spüren.
Was bedeutet das für den Unterricht?
Als Stimmbildnerin muss ich anhand vom Klang hören, was die singende Person macht: Liegt die Zunge richtig oder ist sie fest? Strömt die Atemluft frei? Ist das Gaumensegel in der richtigen Position? Können die Knochen richtig vibrieren? Ich bin Lotsin, die die Studierenden in dem Prozess der Stimmentwicklung leitet und begleitet. Der Prozess der Stimmentwicklung dauert einige Jahre. Die Entwicklungen zu begleiten und zu unterstützen ist immer wieder ein grossartiges Erlebnis, ob mit Studierenden, die professionell singen wollen, oder mit Laien, die einfach nur Freude am Singen haben wollen, und die durch die Übungen und das gemeinsame Singen einen ganz anderen Zugang zu ihrer Stimme finden.
Und zum Schluss: Summen gegen den Stress.