Bilder für die Ohren

Für viele Künstlerinnen und Künstler war die Corona-bedingte «Zwangspause» ein Fiasko. Nicht so für den Kontrabassisten Raffaele Bossard. Die Pandemie erweckte eine Leidenschaft aus Kindertagen wieder zum Leben.

Raffaele Bossard Stadtkirche Darmstadt ©Jens Vajen

«Ich will Momente schaffen, in denen weder das Davor noch das Danach eine Rolle spielt. Das Einzige was zählt ist das Hier und Jetzt.» Raffaele Bossard ist Kontrabassist und mit Leib und Seele Musiker. Mit seiner Arbeit will er die Menschen berühren, etwas in ihnen auslösen. «Dieser Augenblick, wenn du auf der Bühne stehst, und es entsteht diese einzigartige Energie zwischen dir und dem Publikum – unbeschreiblich.»

Früh übt sich und will doch nicht

Raffaele Bossard fängt im Alter von sieben Jahren an Klavierunterricht zu nehmen. Er wächst in Zug in einem musikalisch und künstlerisch geprägten Elternhaus auf: Sein Vater ist Gitarrist und unterrichtet an der Hochschule Luzern Jazzgitarre und -ensemble, seine Mutter arbeitet als Künstlerin und ist für diverse Jazzreihen im Kanton Zug verantwortlich. Bei Familie Bossard gehen regelmässig Musikerinnen und Musiker ein und aus. «Nach etwa fünf Jahren Klavierspielen hatte ich aber genug und wollte nichts mehr von Musik wissen. Vielmehr interessierte mich damals Sport, im Speziellen Fussball. Auch träumte ich davon, Meeresbiologe zu werden», erinnert sich der heute 40-Jährige.

Erste eigene Band und die Entdeckung des Kontrabasses

Es sind die 1990er Jahre, Raffaele Bossard ist ein Teenager und sein bester Freund an der Kantonsschule will mit ihm zusammen eine Punk-Band gründen. «Ich war sofort Feuer und Flamme für die Idee und fing an, Bass zu lernen. Mit 17 entdeckte ich dann den Kontrabass, das Zweitinstrument meines Vaters, und nahm Unterricht bei der Luzerner Koryphäe Bobby Burri vom Ensemble OM», erzählt Bossard. Danach geht es Schlag auf Schlag: Sein Kontrabassspiel spricht sich in der Region schnell herum, er erhält verschiedene Anfragen von Musikern, jammt viel, spielt mit seinen eigenen – bereits mehreren – Bands. «Meine ganze Freizeit verbrachte ich in Proberäumen oder auf Bühnen. Es war eine tolle Zeit!» Und für ihn wird klar: Er will die Musik zu seinem Beruf machen.

Unbezahlbares Netzwerk und langjährige Freundschaften

Noch vor der Matura belegt Raffaele Bossard erste Vorkurse an der Hochschule Luzern. 2008 schliesst er dann mit dem Master of Arts in Music, Major Performance und Master of Arts in Musikpädagogik ab. Für ihn stellte sich nie die Frage, ob er andernorts seine Ausbildung hätte machen wollen: «Nebst meinem Vater hatten auch alle meine musikalischen Förderer und Wegbegleiter selbst in Luzern Jazz gelehrt oder absolviert. Für mich war es daher nur logisch, es ihnen gleichzutun.»

Der Musiker erinnert sich gerne an die Stimmung unter den Mitstudierenden, wie sie viel und oft zusammen gespielt hätten. «Wir haben uns gegenseitig angespornt und inspiriert. Die Möglichkeit, auch mit unseren Dozentinnen und Dozenten, unseren damaligen Vorbildern, spielen zu dürfen, war sehr bereichernd.» Mit vielen Mitstudierenden von damals habe er auch heute noch Kontakt, sowohl beruflich wie auch privat. Dieser Austausch sei eine der wichtigsten Ressourcen für seine Arbeit. Seit seinem Studienabschluss ist der Zentralschweizer als freischaffender Musiker tätig, unterrichtet und führt seit 2013 seine eigene kleine Booking-Agentur.

Zwangspause und Wiederentdeckung einer alten Leidenschaft

Wie bei vielen in der Kulturbranche sorgt die Corona-Pandemie auch bei Raffaele Bossard für eine Zwangspause. Für ihn sei die Situation aber nur im ersten Moment schwierig gewesen: «Ich stand die vergangenen Jahre ohne Unterbruch auf der Bühne, ein Gig nach dem anderen. Die Pandemie zwang mich, innezuhalten, und gab mir die Chance, mich neu auszuprobieren.» Ihn fasziniert schon länger die Elektronik, die Technik, die seine Musikerkollegen teils auf der Bühne nutzen. Selbst hat er aber keinerlei Erfahrung damit. Er fängt von Null an, sich in die Materie einzuarbeiten, holt Rat bei Freunden ein, fängt an, erste Songs in seinem Studio zu komponieren.

«Und da fiel es mir plötzlich wieder ein, wie ich mit meinem damaligen Schulfreund am Elektropiano sass und wir stundenlang zusammen Geschichten vertonten», erinnert sich Raffaele Bossard. Seine Freude daran und das Gespür dafür, Bildern mit Musik Leben einzuhauchen, erwachte erneut. Er schickt seiner Bekannten, der Filmerin Romana Lanfranconi, ein Demo zu. Ihr gefällt es und Bossard erhält den Auftrag, für ihren Dokumentarfilm «Einsamkeit hat viele Gesichter» die Musik zu schreiben. «Es war das ideale Übungsumfeld für mich als Anfänger, sie liess mir viele Freiheiten und ich konnte mich während des Prozesses weiterentwickeln und mir die nötigen Fertigkeiten aneignen.»

Derzeit arbeitet er an mehreren Filmmusikprojekten, will die kommenden Jahre nutzen, sein Portfolio aufzubauen, dazuzulernen und sich weiter zu vernetzen. Dabei ist ihm wichtig, egal bei welcher Arbeit, immer wieder einen neuen Blickwinkel zu suchen, Verschiedenes auszuprobieren, spielerische Elemente einzubauen. «Meine Familie nennt mich nicht zu Unrecht Tausendfüssler. Ich brauche die Abwechslung. Es geht aber letztlich immer nur um die Musik.»

Zur Person

Raffaele Bossard (*1982) schliesst 2008 sein Studium an der damaligen Jazzschule Luzern, einer Vorgängerinstitution des heutigen Departements Musik der Hochschule Luzern, ab. Nebst seinem Vater Roberto Bossard, Gitarrist und Dozent, ist auch sein Halbbruder Linus Meier Musiker und spielt Bass. Raffaele Bossard wuchs in Zug auf und lebt heute mit seiner Partnerin und deren beiden Kindern in Emmen. raffaelebossard.com

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