Von Ballsport bis Schneefall: So klingt die Schweiz in den Ohren von Geflüchteten

Welche Klänge begleiten Migrantinnen und Migranten in ihrem Alltag in der Schweiz? Welche Töne erinnern sie an zu Hause? 13 junge Geflüchtete haben für eine Hörausstellung Audio-Collagen gestaltet und unter anderem festgestellt, dass ein Volleyballspiel hierzulande anders tönt als in Afghanistan.

The sound of sports: Die beiden 17-jährigen Afghanen Mostafa und Sher haben gemeinsam eine Hörgeschichte gestaltet. (Bild: Oriana Simonett)

The sound of sports: Die beiden 17-jährigen Afghanen Mostafa und Sher haben gemeinsam eine Hörgeschichte gestaltet. (Bild: Oriana Simonett)

Das Pfeifen des Wasserkochers auf dem Herd, das Klingeln von Nachbars Telefon, die Autos auf der Strasse – im Alltag sind wir von verschiedensten Geräuschen umgeben, denen wir kaum besondere Beachtung schenken. Aber wie nehmen Geflüchtete die Schweiz akustisch wahr, und welche Geräusche verbinden sie mit ihrer Heimat? Mit diesen Fragen befassen sich junge Menschen mit Migrationshintergrund für die Ausstellungsreihe «Ohren auf Reisen». Hinter dem Konzept steckt der Verein Zuhören Schweiz. Die dortige Projektverantwortliche Jacqueline Beck erklärt die Idee dahinter: «Für die Ausstellungen gestalten Migrantinnen und Migranten Audio-Collagen, die typisch für ihre gehörte Umgebung in ihrem früheren oder gegenwärtigen Zuhause sind. Unser Ziel ist es, den vielstimmigen, gesellschaftlichen Diskurs zu stärken und deutlich zu machen, wie notwendig und bereichernd es ist, sich mit offenen Ohren zu begegnen.»

Deutscher Rap, afghanisches Rezept

Ethnomusikologin Helena Simonett leitet das mehrteilige, vom Schweizerischen Nationalfonds SNF geförderte Projekt «Music as Empowerment» an der HSLU. In diesem geht ein interdisziplinäres Forschungsteam der Frage nach, wie sich die Beschäftigung mit Musik und Klang auf junge Menschen mit Migrationsgeschichte und ihren Alltag auswirkt. Bei ihren Recherchen für das Forschungsprojekt stiess Simonett auf den Verein Zuhören Schweiz und war sofort von dessen Konzept begeistert: «Das Hören, das Zuhören und das Gehörtwerden bilden die Grundlage für die kulturelle Teilhabe und Teilnahme dieser jungen Menschen an unserer Gesellschaft.» Zusammen mit dem Verein und dem Kulturradio 3FACH führten die Luzerner Forschenden Workshops mit 13 Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch. Diese stammen ursprünglich aus Somalia, Eritrea, Afghanistan sowie Syrien und leben seit einigen Monaten in Luzern und Kriens.

Regen macht Geräusche, aber Schnee? Das fragt sich der 18-jährige Fthawi aus Eritrea.
Regen macht Geräusche, aber Schnee? Das fragt sich der 18-jährige Fthawi aus Eritrea.
Beim Arbeiten am Computer: der 18-jährige Eritreer Fthawi und HSLU-Projektmitarbeiterin Andrea Kammermann.
Beim Arbeiten am Computer: der 18-jährige Eritreer Fthawi und HSLU-Projektmitarbeiterin Andrea Kammermann.
Der 17-jährige Abdirabi aus Somalia hat Geräusche von seinem jetzigen Zuhause, dem Durchgangszentrum Grosshof, aufgenommen.
Der 17-jährige Abdirabi aus Somalia hat Geräusche von seinem jetzigen Zuhause, dem Durchgangszentrum Grosshof, aufgenommen.
Der 22-jährige Tesfahiwet spielt das Krar, ein traditionelles Saiteninstrument aus Eritrea.
Der 22-jährige Tesfahiwet spielt das Krar, ein traditionelles Saiteninstrument aus Eritrea.
Der 22-jährige Eritreer Tesfahiwet im Gespräch mit HSLU-Projektmitarbeiterin Suse Petersen.
Der 22-jährige Eritreer Tesfahiwet im Gespräch mit HSLU-Projektmitarbeiterin Suse Petersen.
Der 20-jährige Hermon aus Eritrea bearbeitet seine Hörgeschichte mit HSLU-Projektmitarbeiter Dominic Zimmermann.
Der 20-jährige Hermon aus Eritrea bearbeitet seine Hörgeschichte mit HSLU-Projektmitarbeiter Dominic Zimmermann.

«Entstanden sind Hörbeiträge, die faszinierende und ganz persönliche Einblicke in das Leben und die akustische Umwelt der Jugendlichen und jungen Erwachsenen geben», sagt Simonett. So verrät der 18-jährige Fthawi aus Eritrea, dass er gern deutschen Rap hört und für seine Audio-Collage versucht hat, herauszufinden, wie Schnee klingt. Der 17-jährige Sher aus Afghanistan liebt Volleyballspielen und fragt sich, ob ein Match hierzulande genauso tönt wie in seiner Heimat. Die 16-jährige Nasra aus Somalia spielt zum ersten Mal Klavier und erzählt, dass die Frauen in ihrer Heimat normalerweise keine Musik machen. Und der 22-jährige Jahan nimmt die Hörerinnen und Hörer akustisch mit an den Herd, wenn er ein traditionelles Essen aus Afghanistan zubereitet.

Erfolgserlebnisse schaffen und Ehrgeiz wecken

Zum Empowerment gehört aber nicht nur, dass die Jugendlichen während des Workshops Erfolgserlebnisse haben und diese gewürdigt werden, etwa wenn sie ihre Sprachkenntnisse erweitern, ihre Stärken entdecken oder sich neue kreative und technische Kompetenzen aneignen. Ein wichtiger Teil sei laut den Forschenden auch die durchaus kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk. Simonett sagt: «Es wurde viel diskutiert, wieder verworfen und neu probiert.» Einige der Teilnehmenden hätten einen besonderen Ehrgeiz entwickelt und wollen es beim nächsten Mal noch besser machen. Etwa der 17-jährige Somalier Abdirabi, dessen Wunsch es ist, Krankenpfleger zu werden: «Ich finde mein Deutsch ist noch nicht gut. Aber ich möchte eine weitere Hörgeschichte aufnehmen, in der ich nicht nur mein Leben im Durchgangszentrum Grosshof in Luzern beschreibe, sondern auch über meine Reise in die Schweiz erzähle.»


Hörausstellung: vor Ort und online
Die Audio-Collagen der 13 jungen Migrantinnen und Migranten sind bis zum 5. August 2022 an der Hochschule Luzern – Musik zu erleben. Der Eintritt ist frei.
Die «Midissage» findet am Donnerstag, 7. Juli 2022 von 14:00 bis 15:30 Uhr statt. Die Hörbeiträge können zudem über die Website von «Ohren auf Reisen» erkundet werden: zuhoeren-schweiz.ch/oar


Der afghanische Filmemacher Ahmad Alizada hat die Workshops mit den Migrantinnen und Migranten dokumentarisch begleitet.

Forschungsprojekt «Music as Empowerment»

Im Zentrum des interdisziplinären Projekts (Laufzeit: 2021 bis 2025) stehen junge geflüchtete Menschen und die Art und Weise, wie sie sich mittels musikbezogener Tätigkeiten und persönlicher musikalischer Kompetenzen («musical literacies») sowohl neue kulturelle Räume erschaffen als auch neue soziale Identitäten konstruieren. Es wird erforscht, wie sich diese Prozesse auf verschiedene Aspekte ihres Lebens, wie z. B. den Zugang zu Bildung und Freizeitaktivitäten, auswirken.
Das Projekt wird im Rahmen des Interdisziplinären Themenclusters «Raum und Gesellschaft» der Hochschule Luzern von Forschenden der Departemente Musik und Soziale Arbeit durchgeführt und vom Schweizerischen Nationalfonds SNF gefördert. In seinem Rahmen entstand die Hörausstellung «Ohren auf Reisen», zusammen mit dem Verein Zuhören Schweiz und Radio 3FACH.

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