Musik gegen Parkinsonsymptome

Wenn die Beine nicht mehr gehorchen, hilft möglicherweise ein Lied beim nächsten Schritt. Forschende der Hochschule Luzern zeigen: Musik kann Menschen mit Parkinson nicht nur emotional, sondern ganz konkret beim Bewegen helfen.

Mehrere Menschen bewegen sich mit farbigen Tüchern

Die Parkinson-Patientin verabschiedet sich und bleibt mittendrin wie festgeklebt stehen. Dieses «Freezing» genannte Symptom ist Menschen mit Parkinson nur zu vertraut. «Radetzkymarsch!» sagt da die Physiotherapeutin Martina Stadelmann. Die Reaktion darauf ist erstaunlich: Die Patientin setzt wieder einen Fuss vor den anderen. Sie hat sich den Marsch vorgestellt und zu dessen imaginiertem Rhythmus funktionierte das Gehen wieder. Der Zuruf wirkte deshalb, weil Martina Stadelmann mit der Patientin das Musikstück zu Beginn der Therapiestunde gemeinsam gehört und ihr die Grundlagen des Projekts «Songlines for Parkinson» erklärt hatte. Es zeigte sich: Der klare Takt der geliebten Musik unterstützte die Patientin beim Gehen. Als sie dann beim Abschied «einfror», genügte der Hinweis auf den Radetzkymarsch, damit sie innerlich den Rhythmus wieder fand. Für Therapeutin und Patientin gleichermassen ein berührender Moment.

Parkinson-Symptome: Mehr als Zittern

Rund 15’000 Menschen leben in der Schweiz mit Parkinson. Die Erkrankung zerstört Nervenzellen und stört das Zusammenspiel von Bewegung, Antrieb und Körperrhythmus. Typisch sind Zittern, Muskelsteife, verlangsamte Bewegungen und «Freezing» – diese Blockade beim Gehen, wie Martina Stadelmanns Patientin sie erlebt hat. Doch auch Schlaf, Stimmung und Denkfähigkeit können leiden. Viele Betroffene kämpfen zudem mit Motivationsverlust.

Musik als innerer Taktgeber

Martina Stadelmann war als Physiotherapeutin am HSLU-Projekt «Songlines for Parkinson’s» beteiligt und nützt Erkenntnisse daraus jetzt in der Praxis. Geleitet wurde «Songlines» von der Musikpsychologin Dawn Rose, beteiligt waren verschiedene Schweizer Kliniken, von der Clinica Hildebrand in Lugano über die Klinik Valens und die Klinik Lengg in Zürich sowie internationale Partner von Kanada bis Australien und von Frankreich bis Grossbritannien. Das Team untersuchte, wie Musik gezielt genutzt werden kann, um die Symptome von Parkinson zu lindern – als akustisches Signal mit klarem Rhythmus oder als «Musik im Kopf», die Bewegungen innerlich begleitet. «Musik wirkt für Menschen mit Parkinson nicht nur, wenn sie hörbar ist. Schon die Vorstellung von Musik kann Bewegungen strukturieren», erläutert Dawn Rose. Und diese steht immer zur Verfügung.

Bewegen in der Gruppe vermittelt das Gefühl von Gemeinschaft. Foto: Thomas Egli

Die Beteiligten meldeten zurück, dass der therapeutische Ansatz von «Songlines» so wirksam sei, weil er sich leicht in den Alltag integrieren liesse, was wiederum regelmässiges Üben fördere. Dass dazu persönlich bedeutsame Musik gewählt werden konnte, stärkte die Eigeninitiative beim Umgang mit Symptomen. 

«Musik wirkt für Menschen mit Parkinson nicht nur, wenn sie hörbar ist. Schon die Vorstellung von Musik kann Bewegungen strukturieren.»

Prof. Dr. Dawn Rose

Musik und Bewegung motivieren – in der Gruppe noch mehr

Gabi Ehrensperger lebt seit 16 Jahren mit der Diagnose Parkinson. «Zuerst bin ich in ein Loch gefallen», sagt sie. Heute sucht sie nach Wegen, ihren Alltag zu gestalten: Sie beobachtet die Wirkung der Medikamente genau, trainiert seit Kurzem auf dem Trampolin und probiert Neues aus, wie die Teilnahme an der HSLU-Studie.

Gabi Ehrensperger bewegt sich gerne in der Natur.
Gabi Ehrensperger tut viel dafür, ihre Bewegungsfähigkeit zu erhalten.

Für die Studie besuchte sie Workshops, tanzte, trommelte und bewegte sich mit sensorbestückten Schuhen. Zusätzlich kam die Motion-Capture-Technologie zum Einsatz, um Veränderungen in der Bewegungsfähigkeit zu messen – eine Innovation in der Parkinson-Forschung. Besonders Line Dance begeisterte Gabi Ehrensperger. Auch der Haka, ein Kriegstanz der Maori mit ausdrucksstarker Mimik, blieb ihr in Erinnerung. «Ein Haka kann Gesichtsausdruck und Stimmkraft verbessern», sagt Dawn Rose dazu. Ein zentrales Element für Gabi Ehrensperger war die Gruppe an sich – sie führte nicht nur zu spannenden Begegnungen, sondern vermittelte in den Workshops auch ein Gefühl von Gemeinschaft und sozialer Unterstützung. Diese Energie wiederum kann sie für andere Aktivitäten nutzen, die ihr guttun, wie Nähen, Pingpong spielen oder lange Spaziergänge machen. Dawn Rose bestätigt, dass auch andere Teilnehmende diese Erfahrung gemacht haben: «Musik kann vermitteln, indem sie Menschen zusammenbringt, sie zu Bewegung motiviert, bei der Kontrolle unserer Emotionen hilft und uns daran erinnert, wer wir sind.»

Eine Website als Inspiration

Auf der Website www.playlist4parkinsons.com sammelte das Forschungsteam die Songs und Musikstücke, die Umfrage- und Workshopteilnehmenden bereits nützten, in Playlists. Die Idee ist nicht, dass diese am Stück gehört werden – das wäre sogar eher irritierend –; die Playlists dienen als Inspiration für Parkinsonbetroffene, sich eine eigene Playlist zusammenzustellen. Die Kategorien geben Anstösse, wo Musik unterstützend eingesetzt werden kann.

Manche der Kategorien sind selbsterklärend, andere weniger. Eine besondere Kategorie sind die «Personal Anthems», die persönlichen Hymnen. Es handelt sich um Musik, die aus der eigenen Geschichte kommt, oft mit anderen Personen verbunden ist und deshalb starke Emotionen auslöst. Gerade in Momenten von krankheitsbedingter Entfremdung von sich selbst und vom eigenen Körper kann diese Musik für Menschen mit Parkinson das Gefühl für sich selbst stärken.

Dass Musik beim Bewegen rhythmische Unterstützung bieten kann, haben die meisten schon erlebt. Für Parkinson-Betroffene jedoch erschwert die Krankheit oft nur schon die Entscheidung, etwas zu unternehmen. Deshalb ist «Motivation» eine Kategorie, die vor allem für sie besonders wichtig ist. Diese Musik hilft manchmal, sich zum Schritt vor die Haustür überhaupt aufzuraffen. Vor der Teilnahme am Workshop haben sich jedoch viele noch gar nie überlegt, dafür Musik zu nützen.

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