Jana Bruggmann: Sie bringt vergessene Kunst ans Licht

Die Kuratorin Jana Bruggmann verbindet in ihrem Beruf ihre beiden Leidenschaften Kunst und Geschichte. Im Archiv des Nidwaldner Museum entdeckte sie jüngst Werke einer Malerin, die nicht nur schweizweit für Aufsehen sorgten.

Porträt Jana Bruggmann ©Christian Hartmann

Bildende Kunst, Kunstgeschichte oder Geschichte? Jana Bruggmann entschied sich für ersteres und für eine Ausbildung an der Hochschule Luzern. Als sie sich dort im letzten Semester mit dem Schwerpunkt Kuratieren beschäftigte, war klar: Ausstellungen machen – das war es, was sie wollte. Und das ist es, was sie heute tut. Doch sie ist froh um ihre künstlerische Ausbildung: «Es gibt einen anderen Blick auf das künstlerische Schaffen, als wenn ich Kunstgeschichte studiert hätte», sagt sie im Rückblick. Der Weg zu ihrer heutigen Tätigkeit als Kuratorin am Nidwaldner Museum verlief dann aber nicht ganz gradlinig, denn ihre andere Leidenschaft, die Geschichte, liess sie doch nicht ganz los.

Die Erde, vom Himmel aus gesehen

Jana Bruggmann entschied sich nach Praktika in Galerien und Museen in Maloja und Zürich sowie einem wissenschaftlichen Volontariat am Kunsthaus Zug für ein Doktorat an der Freien Universität Berlin im Fach Neueste Geschichte. Die Forschungsgruppe, in der sie die einzige Nicht-Historikerin war, beschäftigte sich mit historischen Vorstellungen des Weltalls – ein Ort, der naturgemäss lange nur von der Erde aus gesehen werden konnte. Jana Bruggmann hingegen interessierte sich mehr für den gegenläufigen Blick, also für eine kosmische Perspektive auf die Erde. Ein Blick, den man bereits im 19. Jahrhundert beschrieben und visuell dargestellt hat, als noch keine Raumsonden und weder Astronautinnen noch Astronauten die Erde vom All aus fotografieren konnten, als die Fantasie aber bereits von der Möglichkeit der Raumfahrt angeregt wurde. «Mit der Dissertation nahm meine Laufbahn eine neue Wendung, aber es ging noch immer um die Themen, die mich schon in der Kanti am meisten interessiert haben: Kunst und Geschichte. Auch die Frage, wie wir auf die Welt blicken und wie sich unser Weltverständnis im Laufe der Zeit gewandelt hat, beschäftigte mich bereits damals», erinnert sie sich.

Jana Bruggmann (Foto: Samuel Herzog)

Während sie an der Dissertation schrieb, begleiteten Kunstvermittlung und Kunstjournalismus sie weiter. Vor zwei Jahren wurde ihr aber klar: «Ich muss mich entscheiden zwischen historischer Forschung und Arbeit im Kulturbereich». Sie entschied sich für den Kulturbereich und begann im Mai 2021 ihre jetzige Stelle als Kuratorin Kunst am Nidwaldner Museum. Eine ihrer ersten Ausstellungen führte sie prompt wieder in die Nähe ihres Dissertationsthemas «Über den menschgemachten Himmel». Jana Bruggmann lud das Künstlerduo Christina Hemauer und Roman Keller ein, das sich ebenfalls schon seit längerem mit dem Himmel und der Schnittstelle von Kunst und Naturwissenschaft beschäftigt. Die Sammlung des Museums und das stark katholisch geprägte Stans boten nun die richtige Ausgangslage, um kulturgeschichtliche Aspekte stärker zu gewichten. «Der Begriff ‹Himmel› ist nach wie vor vieldeutig», so Jana Bruggmann.

Liselotte Moser, Selbstporträt
Selbstporträt Liselotte Moser
Liselotte Moser, Sommer Detroit
Liselotte Moser, Freundeskreis; Ausstellungsansicht (Foto: Christian Hartmann)
Liselotte Moser, Textilarbeit
Liselotte Moser, Selbstporträt
Selbstporträt Liselotte Moser
Liselotte Moser, Sommer Detroit
Liselotte Moser, Freundeskreis; Ausstellungsansicht (Foto: Christian Hartmann)
Liselotte Moser, Textilarbeit

Beim Durcharbeiten der riesigen Sammlung des Nidwaldner Museums – insgesamt befinden sich darin rund 17’000 Objekte, historische Ausstellungsstücke und Kunstwerke – stiess Jana Bruggmann auf eine in der Kunstwelt vergessene Künstlerin: Liselotte Moser. Es waren einerseits die vom amerikanischen Realismus und der neuen Sachlichkeit geprägten Bilder, andererseits aber auch der Lebenslauf und die Persönlichkeit der 1906 in Luzern geborenen Künstlerin, die Jana Bruggmann faszinierten. «Sie liess sich durch die Folgen einer Kinderlähmung nicht einschränken und schaffte es, ihren eigenen Weg als Künstlerin zu gehen», sagt Jana Bruggmann. Aber auch ihr Selbstverständnis habe sie beeindruckt: «Sie verstand sich als Intellektuelle und war bestens vernetzt mit anderen Intellektuellen ihrer Zeit – so hatte sie auch keine Hemmungen, zum Beispiel Thomas Mann anzuschreiben. Sie bestätigt in keiner Weise das Klischee der Innerschweizer Innerlichkeit. Sicherlich auch, weil sie einen Grossteil ihres Lebens in Detroit verbrachte», sagt Jana Bruggmann.

Kuratieren heisst, Geschichten erzählen

Die Ausstellung kann längst nicht alle Bilder zeigen. So galt es für die Kuratorin, harte Entscheidungen zu treffen. «Da geht es nicht nur um die Qualität des Einzelwerks. Man muss wissen, welche Geschichte man mit der Ausstellung erzählen will», erläutert Jana Bruggmann. Wichtig sei ihr gewesen, die Stationen ihres Lebens abzubilden – Luzern, Detroit und Stans. «Die Pilatusserie zum Beispiel fand ich nicht so herausragend wie andere Werke, aber sie ist wichtig, um zu sehen, wie die Malerin in Stans gearbeitet hat. Das Leben und Werk der Künstlerin werden somit gleichzeitig sichtbar.»

Arbeit und Freizeit sind in ihrem Beruf nicht immer klar abgegrenzt. Das stört die Kuratorin nicht: «Schon in der Schule ist mein Taschengeld für Kunstbücher und Malutensilien draufgegangen.» Eine scharfe Abgrenzung müsse es für sie nicht geben. Wichtiger sei es, sich Raum zum Denken freizuhalten, um reflektieren zu können und nicht nur zu agieren . «Das gelingt mir aber längst nicht immer», gesteht sie ein.

Im nächsten Schritt wird sich Jana Bruggmann weiter mit der Sammlung auseinandersetzen, denn sie wird die kunsthistorische Dauerausstellung für den Sommer 2023 neu gestalten. Im Herbst 2023 folgt dann eine Ausstellung von Corinne Odermatt. Diese hat das Werkjahr 2022 der Frey-Näpflin-Stiftung gewonnen, zu dem eine Ausstellung mit Publikation im Nidwaldner Museum gehört – und sie ist ebenfalls eine HSLU-Alumna.

Zur Person

Jana Bruggmann ist 1985 in St.Gallen geboren und in der Ostschweiz aufgewachsen. Sie hat an der Hochschule Luzern sowie an der Zürcher Hochschule der Künste studiert und promoviert an der Freien Universität Berlin im Fach Neueste Geschichte / Zeitgeschichte. Zu ihren beruflichen Stationen gehören das Kunsthaus Zug, die Freie Universität Berlin sowie das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz. Sie wirkte an Ausstellungen in Zug, Luzern, Zürich und im Engadin mit und ist seit 2021 Kuratorin Kunst am Nidwaldner Museum.

Die Ausstellung mit Werken von Liselotte Moser ist noch bis zum 30. Oktober 2022 im Nidwaldner Museum zu sehen.

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