Nichts mit «in die Ferne schweifen»

Im Ausland bleiben, weg von Freunden und Familie? Oder doch nach Hause zurückkehren, dabei aber vielleicht sich selbst und andere anstecken? Durch die Pandemie ist das Austauschsemester für viele Studierende plötzlich zur Gratwanderung geworden.

Nichts mit in die Ferne Schweifen: Austauschstudium in der Coronakrise. Bild: zvg/Yannick Raschle

Miguel Duque ist in der Schweiz gestrandet: Der Kanadier ist einer von 75 ausländischen Studierenden an der Hochschule Luzern, die im Austauschsemester von der Pandemie überrascht wurden. Umgekehrt stellte der Ausbruch auch 60 im Ausland weilende Studierende der Hochschule, darunter den Zuger Studenten Yannick Raschle, vor die essenzielle Frage: Bleiben oder gehen? An der Fachstelle Internationales der Hochschule Luzern hat Leiterin Sandra Sommer alle Hände voll damit zu tun, die Austauschstudierenden zu unterstützen. Wie erlebten die Drei den Ausnahmezustand?  

Yannick Raschle, kurz vor dem Lockdown in Spanien. Bild: zvg/Yannick Raschle
Yannick Raschle, kurz vor dem Lockdown in Spanien. Bild: zvg/Yannick Raschle
Yannick Raschle, Wirtschaftsinformatik-Student, Zug

Ohne Corona wäre ich jetzt in Spanien. Ich bin im vierten Semester an der Universidad del País Vasco, in San Sebastián eingeschrieben. Wie in Spanien üblich, habe ich viel öfter Prüfungen, und der Unterricht ist geballt am Vormittag, danach ist erstmal Siesta. Mit meinen Kommilitonen rede ich ein Gemisch aus Englisch und Spanisch, im Moment halt nur online: Ich lebe seit dem 22. März wieder bei meinen Eltern in Zug.

Das Virus kam schnell. Auch als es in Spanien die ersten Toten gab, war die Gefahr in San Sebastián, wo ich zwei Monate vorher mein Auslandsemester angefangen hatte, kein grosses Thema. Am Tag vor dem Shutdown sind wir noch ganz normal rausgegangen und assen die typisch baskischen «Pintxos». Danach wurde die kleine Wohnung, in der ich mit einem spanischen Pärchen wohnte, zu unserem Homeoffice. Meine Gast-Uni war aufgrund gelegentlicher Streiks und damit einhergehenden Schliessungen gewappnet, es gab keinerlei Überbrückungszeit, gleich am ersten Tag kam die erste Online-Lektion.

Schon am Wochenende davor waren die Strassen total leer. Kein Auto, kein Töff, kein Mensch mehr draussen. Jogger und Spaziergänger wurden – teilweise rüde – auch schon mal vom Balkon herunter beschimpft, während Punkt 20 Uhr am Abend dem Pflegepersonal von den Balkonen herunter applaudiert wurde. Daher dachte ich zunächst, ich wäre in Spanien besser aufgehoben, weil man dort die Sache, im Gegensatz zur Schweiz, ernst genug nahm. Aber ich fühlte mich einsam, so allein in der fremden Stadt, in einem fremden Land, ich wurde fast lethargisch und zunehmend unsicher, da ich nicht wusste, wie lange das Ganze dauern würde. Ich wollte auch nicht auf Monate hinaus in San Sebastián festsitzen, und die Schweiz empfahl ja allen Studierenden zurückzukehren, das hat mir der Internationale Dienst der Hochschule Luzern mitgeteilt.

Darum bin ich schliesslich über München in die Schweiz geflogen. Danach habe ich mich drei Wochen in strenge Quarantäne begeben und das Studium an meiner Gastuniversität aus der Ferne wieder aufgenommen. Es tat mir gut, wieder im vertrauten Umfeld und bei der Familie zu sein. Obwohl ich nur zwei statt sechs Monate in Spanien war, konnte ich das wunderschöne Baskenland, viel von der Kultur und ein paar wirklich coole Leute kennenlernen. Ich war sicher nicht das letzte Mal dort.


Da war nichts mehr mit Schnee: Covid-19 fesselte Miguel Duque ans Bett. Bild: zvg/Miguel Duque
Miguel Duque, Austauschstudent am Departement Wirtschaft aus Edmonton, Alberta, Kanada

Mir geht es wieder gut, keine Nachwirkungen. Aber ich hatte Covid-19. Am Anfang haben wir das Gehuste natürlich nicht ernst genommen. Aber als ich meinen Geruchssinn verlor, fürchterliche Kopfschmerzen bekam und nicht mehr stehen konnte, da verging uns das Lachen.

Ich bin Kanadier. Als ich gerade richtig krank war, kam die Mail von meiner Hochschule, der McEwan University in Edmonton, Alberta. Ich solle innerhalb von zwei Wochen nach Hause zurückkehren. Das war natürlich unmöglich. Ich war viel zu schwach, hätte im Flugzeug alle angesteckt können und am Schluss auch noch meine Eltern in Edmonton – ein Dilemma. Klar, da konnte meine Uni auch nichts machen.

Meine Ansprechpersonen von der Hochschule Luzern versorgten mich derweil mit zahlreichen Unterlagen und hätten sicherlich weitergeholfen, wenn es nötig gewesen wäre. Aber ich habe die Probleme dann selbst gelöst, mit unzähligen E-Mails. Zum Beispiel auch an meine Krankenkasse, denn ich musste sichergehen, dass ich noch versichert bin, wenn ich hierbleibe. Das war meine grösste Sorge.

Es war natürlich auch fürs Studium einfacher, zu bleiben. Denn der Unterricht ging in Luzern weiter, und ich hätte in Kanada mitten in der Nacht aufstehen müssen, um an Seminaren teilzunehmen oder Prüfungen zu absolvieren. Das ist mein letztes Semester, es ist also wichtig, dass ich die letzten ECTS-Punkte bekomme, um meinen Bachelor of Commerce abzuschliessen. Leider kann ich danach nicht so locker wie geplant mit meiner Freundin im Sommer durch Europa reisen. Aber vielleicht schaffen wir es doch noch, ein wenig herumzukommen.


Sandra Sommer unterstützt die Austauschstudierenden. Bild: zvg/Sandra Sommer
Sandra Sommer unterstützt die Austauschstudierenden. Bild: zvg/Sandra Sommer
Sandra Sommer, Hochschulentwicklung und Dienste, Leiterin Fachstelle Internationales

Als wir die ersten Nachrichten aus China hörten, haben wir den Ernst der Lage zuerst nicht erkannt. Aber als es hiess: Zwei Studierende aus China sitzen im Flugzeug und sind auf dem Weg zu euch an die HSLU – da mussten wir handeln. Wir haben auf Kosten der Hochschule ein Apartment in Luzern gemietet und die Beiden dort zwei Wochen separat untergebracht. Sie konnten doch nicht in eine 12er-Studierenden-WG… Seither sind wir nicht mehr aus dem Krisenmodus herausgekommen. Es gibt so viel zu organisieren.

Wir folgen bei unseren Empfehlungen an die Studierenden streng den Vorgaben des Bundesrates und des Bundesamtes für Gesundheit. Dabei versuchen wir diese mit den Empfehlungen der Gastuniversitäten in Einklang zu bringen. Wir haben unseren Studierenden im Ausland empfohlen, zurückzukehren, sie aber nicht zurückbeordert, im Gegensatz zu Kanada und manchen niederländischen Hochschulen. Manche wollten erst bleiben, doch dann sind sie, trotz der Angst, sich auf der Reise anzustecken, nach Hause gekommen und studieren jetzt online an ihrer Gasthochschule.

Ständig ergeben sich neue Probleme: Zum Beispiel haben einige Musik-Studierenden finanzielle Schwierigkeiten, denn sie wollten ihren Aufenthalt an der jeweiligen Gasthochschule mit Gastauftritten und Konzerten finanzieren. Wir versuchen, zu helfen, wo wir können. Wir erlassen ausserdem Studierenden, die abreisen mussten, die Mieten für die Monate, in denen sie nicht da sind. Manche Studierende sind aber überstürzt abgereist, ohne das Studierendenzimmer zu räumen. Da können wir die Mieten natürlich nicht zurückerstatten.

Uns beschäftigen schon jetzt die Austauschstudierenden für das Herbstsemester. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass wir im Herbstsemester 20 trotz schwierigen Umständen Austauschstudierende bei uns empfangen können.

Die Anmeldezahlen unserer Studierenden, die ins Ausland gehen wollen, bewegen sich zurzeit zwar noch im üblichen Rahmen. Allerdings treffen laufend Informationen von Partnerinstitutionen aus dem Ausland ein, dass für das kommende Herbstsemester keine internationalen Austauschstudierenden aufgenommen werden können. Auch hier versuchen wir flexibel zu sein und die International Offices der Departemente erarbeiten Alternativlösungen für die Betroffenen.