Während Fast Fashion im Monatsrhythmus neue Kollektionen ausspuckt und Ultra Fast Fashion Kleidung für den einmaligen Auftritt produziert, steht das Altkleidersystem kurz vor dem Kollaps. Was läuft schief? Und was müsste sich grundlegend ändern, damit Kleidung nicht nach wenigen Monaten aus dem Kreislauf fällt?
Darüber sprechen die Textilerinnen Andrea Weber-Hansen und Nora Wagner. Sie forschen zur Zirkularität in der Textilbranche und erklären, warum echtes Textilrecycling noch Zukunftsmusik ist – und weshalb nachhaltige Mode viel früher beginnt als bei der Sammelstelle.
Viele Menschen bringen ihre Kleidung zur Sammelstelle und denken: Damit ist der Recyclingjob getan. Ist das korrekt?
Andrea Weber-Hansen: Nein. Genau genommen gibt es Textilrecycling noch gar nicht. «Recycling» bedeutet, dass ein Textil nach seinem Gebrauch wieder in den Stoffkreislauf zurückgeführt wird, das heisst, dass Textilfasern so aufbereitet werden, dass wieder neue, hochwertige Fasern entstehen. Nur existieren diese Faser-zu-Faser-Technologien bisher nicht in industriellem Massstab.
Wo stehen wir denn heute?
Weber-Hansen: Man glaubt es kaum, aber immer noch ganz am Anfang. Was wir jetzt haben, sind Sammelstellen. Aber die Frage ist ja, was nach dem Sammeln mit den Textilien geschieht. Werden gesammelte Kleider weiterverkauft, ist das «Re-Use». Und wenn Teile als Putzlappen enden oder verbrannt werden, ist das nicht «Recycling», sondern «Downcycling».
Was wäre denn ein wirklich nachhaltiger Umgang mit Textilien?
Nora Wagner: Zunächst einmal Kleider möglichst lange in ihrer Form nützen, bei Bedarf reparieren und weitertragen. Wenn das nicht mehr geht: Einzelteile von Kleidern weiterverwenden. Und erst ganz am Schluss sollte das Textil dann als Stoffressource betrachtet und recycelt werden.
In den Medien ist die Rede davon, dass unser Altkleidersystem kurz vor dem Kollaps steht. Was hat dazu geführt?
Weber-Hansen: Einerseits steigt die Menge an Altkleidern dramatisch: In der Fast Fashion gibt es zwölf Kollektionen pro Jahr! Ultra Fast Fashion verschärft das noch: Extrem billige Teile, oft nur für ein einziges Tragen gemacht. Dann kommt hinzu, dass das Material dieser Billigkleidung häufig minderwertig ist oder aus verschiedenen Fasern besteht. Solche Qualitäten eignen sich weder für den Re-Use noch für irgendeine Form der Weiterverarbeitung.
Nun reden alle von Kreislaufwirtschaft – ihr habt zu Beginn aber gesagt, dass es bei Textilien noch gar kein Recycling gibt. Warum ist die Textilindustrie denn da noch nicht weiter?
Wagner: Das Thema ist einfach enorm komplex. Beim mechanischen Recycling wird Stoff auf schonende Art auseinandergerissen. Allerdings macht das die Fasern trotzdem kürzer und schwächer, deshalb ist es anspruchsvoll, sie zu neuem Stoff zu verarbeiten. Und dann gibt es das chemische Recycling. Dabei werden die Fasern in ihre Bestandteile zerlegt. Das ist einerseits energieintensiv und andererseits ist die Technik noch nicht marktreif. Was die Sache in beiden Fällen erschwert, sind Mischmaterialien und eine fehlende Deklaration der verwendeten Fasern (Baumwolle, Polyester etc.). Darüber hinaus beeinträchtigen Gebrauchsspuren, Chemikalien und das Waschverhalten die Faserqualität.
Heisst das, ein textiler Kreislauf müsste schon bei der Produktion beginnen?
Wagner: Ja, man muss schon beim Entwurf an das Ende denken: sortenreine Materialien verwenden, nicht-textile Elemente wie Knöpfe und Reissverschlüsse so anbringen, dass sie leicht entfernt werden können, Reparierbarkeit ermöglichen. Wir nennen das «Design für mehrere Lebenszyklen».
Welche Rolle spielen denn Produzenten und Handel beziehungsweise Onlineversand?
Weber-Hansen: Eine grosse. Es braucht neue Geschäftsmodelle: Reparaturservices, Sammelcontainer im Laden, weniger Kollektionen, längere Produktlebensdauer. Der Onlinehandel hat mit der hohen Retourenquote noch ein besonderes Problem. Aber diese Akteure müssen alle Teil der Lösung sein. Das bedeutet, die oben genannten technischen Probleme zu lösen, reicht nicht.
Wagner: In unseren Projekten denken wir aus diesem Grund jeweils den ganzen Prozess vom Entwurf über die Reparierbarkeit bis hin zur Wiederverwendung der Fasern mit und beziehen auch alle Beteiligten, von den Kleiderherstellenden bis zu den Abnehmenden der recyclierten Materialien ein. Dabei stellen wir immer wieder fest, dass die Branche sich der Umweltprobleme, die sie verursacht, durchaus bewusst ist und auch bereit ist, etwas zu verändern. Aber: Sie alle stehen in einem Wettbewerb und es ist einfach ein Fakt, dass recycelte Fasern teurer sind als neu hergestellte.
Weber-Hansen: Allerdings verbraucht die Herstellung neuer Fasern enorm viel Energie und Wasser. Beides hat grosse Auswirkungen auf die Umwelt. Würde man diese Auswirkungen mitrechnen, so würde sich das Verhältnis umdrehen.
Textildesign: Mehr als hübsche Stoffe
Zwar denken viele Menschen beim Wort «Textildesign» zunächst an dessen sichtbarsten Teil: Die Gestaltung von Stoffen und Stoffmustern. Textildesignerinnen und -designer beschäftigen sich aber mit weit mehr: Mit den Materialien, ihrer Funktionalität, ihrer Produktion und deren Kostenstruktur. All dieses Wissen fliesst zusammen, wenn es darum geht, die Prozesse, die Textilien einem Kreislauf zuzuführen.
Laufende Projekte der Hochschule Luzern zum Thema Textilreycling
CUT: Circle up Textiles
Dieses von innosuisse finanzierte Projekt mit Tally Weijl, Micasa, Säntis-Textil, Telltex, und Remei hat zum Ziel, Leitlinien und Tools zur Umsetzung von Ecodesign-Prinzipien in der Textilindustrie, insbesondere auch der Fast Fashion, zu erforschen. Tally Weijl und Micasa übernehmen dabei die Rolle des Endanwendenders für diese «Design Recommender Tools», die die Transformation der Branche mitgestalten sollen. So wird dieses zirkuläre Design-Tool in einer realen Umgebung getestet und weiterentwickelt.
CWW – Circular Workwear
Das von innosuisse finanzierte Projekt untersuchte, wie eine zirkuläre Verwendung des Materials von Arbeitskleidern möglich wird. Dabei ging es um Designstrategien, Wiederverwendungsmodelle und Arbeitsabläufe am Ende des Produktlebenszyklus sowie die Nutzung digitaler Produktdaten, um die Transformation von linearen zu zirkulären Praktiken in der Arbeitsbekleidung zu fördern.
Zürcular
Gemeinsam mit der Stadt Zürich untersuchte die Hochschule Luzern eine lokale Nutzung und Verwertung von Alttextilien. Die Erkenntnisse aus den Untersuchungen zeigten Handlungsfelder und Empfehlungen für ein zukunftsfähiges lokales und zirkuläres Alttextilverwertungssystem auf und führten dazu, dass die Stadt Zürich die Submission der Altkleiderverwertung nach zirkulären Leitlinien ausgestaltet hat.
Wie sieht die politische Lage aus? Wo setzt die Schweiz an?
Weber-Hansen: Auf EU-Ebene kommen starke Regulierungen: Ökodesign-Richtlinien, Reparierbarkeitspflichten, Mindestanteile an Recyclingfasern, digitaler Produktpass. In der Schweiz gibt es zwei Initiativen: eine Branchenlösung namens Fabric Loop und die Initiative für einen Modefonds von Public Eye. Beide zielen auf eine vorgezogene Recyclinggebühr ab, damit unter anderem Infrastruktur und Reparaturangebote finanziert werden können.
Wagner: Auch Städte wie Zürich und Luzern werden aktiv und prüfen lokale Recyclinglösungen. Das ist ein wichtiger Schritt. Die Stadt Zürich hat ihre Altkleiderverwertung mittels neuer Submission nach zirkulären Leitlinien vergeben. Die «Entsorgung + Recycling Zürich» (ERZ) bietet aktuell Veranstaltungen an, um die Bürger:innen über Neuerungen zu informieren, u.a. dass beispielsweise seit Jahresbeginn auch kaputte Textilien und Stoffreste in die Sammlung gegeben werden können. Voraussetzung bleibt, dass alle Textilien sauber abgegeben werden müssen.
Was ist Ihre Prognose – wie sieht die Zukunft des Textilrecyclings in fünf bis zehn Jahren aus?
Weber-Hansen: Es gibt zwei Szenarien. Das dunkle: Das System bricht völlig zusammen, alles wandert in den Ofen, und wir müssen von vorne beginnen. Das hoffnungsvolle: Wir schaffen es, Recyclingtechnologien und Reparaturnetzwerke aufzubauen und eine neue zirkuläre Wertschöpfungskette zu etablieren, die die textile Branche nachhaltig stärkt.
Wagner: Mein Wunsch ist, dass wir Textilien längstmöglich in der Schweiz behalten, und so unsere Verantwortung, die Konsum mit sich bringt, wahrnehmen. Und dass Kleidung wieder mehr Wert erhält: Weniger kaufen, besser pflegen, mehr reparieren. Fast Fashion soll out of fashion werden. Ich sehe schon Grund zur Hoffnung: Bei unseren Forschungspartnerinnen und -partnern ist der Wille zur Veränderung da. Manche Marken bieten ja schon Reparaturen in Läden an. Bei jungen Zielgruppen funktionieren sichtbare Do-it-Yourself-Reparaturen, das so genannte «Visible Mending» sehr gut. Tipps dazu und auch Resultate finden über Social Media Verbreitung.