«Das Selbstvertrauen der Schweizer Bevölkerung in ihr KI-Wissen verblüffte mich»

Der Hype um KI ist nach wie vor gross. Doch wie steht die Schweizer Bevölkerung tatsächlich zu dieser und weiteren Zukunftstechnologien wie Blockchain und Quantencomputing? Genau das wollte HSLU-Forscher Philipp Bachmann mit Kolleginnen in einer Studie herausfinden.

Herr Bachmann, begeistert sich die Schweizer Bevölkerung für KI und Co. oder fürchtet sie sich davor?

Die Menschen in der Schweiz blicken auf KI, Blockchain und Quantencomputing ausgewogen. Ganz im Gegensatz zum öffentlichen Diskurs, in dem Bestseller oder Medienbeiträge entweder grenzenlose Euphorie oder ebensolche Angst schüren. Unsere Studie zeigt: Die Schweizer Bevölkerung lässt sich von solchen Extremszenarien kaum beeindrucken. Sie erkennt zwar das wirtschaftliche Potenzial, bleibt dennoch aufmerksam für die Risiken.

Gibt es in der Wahrnehmung Unterschiede zwischen den Geschlechtern?

Männer bewerten alle untersuchten Technologien im Durchschnitt positiver als Frauen, jüngere Befragte positiver als ältere. Am deutlichsten fällt der Unterschied jedoch tatsächlich beim Wissensstand aus. Je besser die Befragten eine Technologie kennen, desto positiver ist ihre Einstellung – und umgekehrt. Das überrascht nicht: Wer einer Technologie offen gegenübersteht, setzt sich eher mit ihr auseinander. Gerade für die Schweiz ist dieser Befund dennoch bedeutsam. Wenn politische Rahmenbedingungen für neue Technologien gestaltet werden, ist es von Vorteil, wenn die Bevölkerung weiss, worüber sie spricht. Information ersetzt keine Meinung – aber sie macht sie belastbarer.

Was hat Sie bei Ihrer Studie am meisten überrascht?

Mich hat das Selbstvertrauen vieler Befragter in ihr eigenes KI-Wissen verblüfft. 93 Prozent kennen den Begriff Künstliche Intelligenz. Über die Hälfte hält ihr Wissen darüber für gut oder sogar sehr gut. Ein Drittel gibt an, zumindest ein Grundverständnis zu haben. Das sind bemerkenswert hohe Werte. Vermutlich setzen die meisten Befragten KI schlicht mit gängigen KI-Systemen wie ChatGPT und Gemini gleich. Im Gegensatz dazu Blockchain. Der Kontrast zu dieser Technologie ist deutlich: Nur 16 Prozent halten ihr Wissen über Blockchain für gut oder sehr gut; 40 Prozent haben den Begriff Blockchain überhaupt noch nie gehört. Weitere 18 Prozent sagen: Schon gehört, aber ich weiss nicht, was es ist. Wenn die Schweiz eine «Blockchain-Nation» sein möchte, braucht es also mehr Aufklärung.

Hochschule Luzern: Zukunftsforschung für die Praxis

Die Hochschule Luzern lehrt und forscht zu den Zukunftstechnologien (KI, Blockchain, Quantenkryptografie) und übersetzt komplexe Forschung in anwendbare Lösungen. Spezialisierte Kompetenzzentren wie das Applied AI Center und das Quantumlab enqtwickeln konkrete Anwendungen. Zudem ist die HSLU gemeinsam mit der Universität Luzern seit 2024 Teil der Blockchain Zug Joint Research Initiative. Der Kanton Zug beteiligt sich während fünf Jahren mit total 39,35 Millionen Franken an den Aufbaukosten dieses gemeinsamen Projekts. Ziel ist es, Zug zu einem weltweit führenden Zentrum für Blockchainforschung zu machen.

Wer sollte die Bevölkerung über die Zukunftstechnologien aufklären?

Das kann nur im Zusammenspiel verschiedener Akteure gelingen – und im besten Fall im Dialog, nicht durch Aufklärung im Sinne von Belehrung. Medien sind gefordert, einzuordnen statt zuzuspitzen; Influencer sollten ihre Reichweite verantwortungsvoll nutzen; Netzwerke wie die Crypto Valley Association können Brücken zwischen Technologie und Öffentlichkeit schlagen. Auch Universitäten und Hochschulen haben hier einen klaren Auftrag. Sie sollen den Austausch mit der Gesellschaft suchen und Forschung in die Praxis übersetzen. Vor diesem Hintergrund ist die «Blockchain Zug – Joint Research Initiative», eine gemeinsame Initiative des Kantons Zug mit der Universität Luzern und der Hochschule Luzern, besonders zu begrüssen.

Warum ist die Blockchain-Technologie für viele noch immer eine Blackbox?

Während KI unmittelbar erfahrbar ist und ihre Anwendungen sichtbar sind, haben viele Menschen mit Blockchain kaum bewusst Berührungspunkte. Unsere Befragung zeigt: Über 90 Prozent der Bevölkerung kennen Bitcoin, mehr als die Hälfte weiss jedoch kaum, was sich dahinter verbirgt. Die zugrunde liegende Blockchain-Technologie ist komplex – im Kern aber einfach erklärt. Sie ist eine besonders fälschungssichere Art, Daten zu speichern. Nicht eine zentrale Stelle verwaltet den Datensatz, sondern viele prüfen gemeinsam seine Richtigkeit und sichern ihn kollektiv ab – und werden dafür belohnt. Das mag auf den ersten Blick langweilig erscheinen, ist bei genauerem Hinsehen jedoch höchst faszinierend. Wenn ich es meiner kleinen Tochter erklären müsste, würde ich sagen: Blockchain ist wie eine Ameisenstrasse. Kaum jemand nimmt sie bei einem Waldspaziergang wahr. Doch sie organisiert verlässlich, wer was wohin trägt und hält damit das ganze System stabil. Nur: Bei der Blockchain gibt es keine Königin.

In welchen Bereichen ist die Blockchain im Alltag schon im Einsatz?

Blockchain ist im Alltag oft dort im Einsatz, wo Vertrauen und Nachweis gefragt sind –
also häufiger, als man denkt. Vor einigen Wochen habe ich mir einen neuen Rollkoffer eines bekannten Herstellers gekauft. Darin ist ein NFC-Chip verbaut, den ich mit dem Smartphone scannen konnte. Das Ergebnis ist ein digitaler Eigentums- und Echtheitsnachweis, der auf einer Blockchain-Plattform hinterlegt und in meiner Wallet gespeichert wird. Das klingt technisch, ist in der Anwendung jedoch simpel. Es erleichtert Garantie und Service und später auch den sicheren Wiederverkauf, weil sich Eigentum und Nutzungshistorie verlässlich übertragen lassen. Ähnliche Prinzipien finden sich auch in Lieferketten, etwa bei der Rückverfolgung von Waren.

Blockchain wird in der Studie positiver bewertet als Bitcoin. Sollte man in der öffentlichen Diskussion stärker zwischen Technologie und Anwendung unterscheiden?

Bitcoin ist eine Kryptowährung, die technisch auf der Blockchain basiert. In der Bevölkerung wird Bitcoin jedoch überwiegend negativ wahrgenommen. Das zeigt sich konsistent über alle untersuchten Gruppen hinweg – unabhängig von Geschlecht, Alter, Bildungsstand oder Wissen. Diese Wahrnehmung ist politisch und gesellschaftlich relevant und sie verlangt nach einer klaren Unterscheidung. Aus dem Missbrauch von Bitcoin folgt nicht, dass die zugrunde liegende Blockchain-Technologie bedenklich ist. Auch Bargeld ist das wichtigste Zahlungsmittel im globalen Schattenmarkt und bleibt dennoch zu Recht legal. Geldscheine lassen sich fälschen, stehlen oder schmuggeln. Niemand käme deshalb aber auf die Idee, die Druckerpresse zu verbieten. Wer Blockchain und Bitcoin gleichsetzt, verpasst diese entscheidende Differenz. Bitcoin ist eine Anwendung, Blockchain ist eine Technologie. Deren Kernversprechen liegt nicht im Zahlungsverkehr, sondern darin, Daten verlässlich, nachvollziehbar und fälschungssicher zu machen.

Die Hochschule Luzern forscht seit Jahren zu KI, Blockchain und Quantencomputing. Wo sehen Sie das grösste Potenzial?

Die HSLU hat ausgedehnte Erfahrung in disziplinübergreifender Arbeit. Entscheidend ist, die Technologien nicht isoliert zu betrachten. Sie sind keine Silos. Blockchain beruht wesentlich auf Kryptografie. Quantencomputer könnten genau diese kryptografischen Verfahren aushebeln. In der Bitcoin-Community ist deshalb bereits vom drohenden Q-Day die Rede. Gemeint ist ein gedanklicher Stichtag: der Moment, an dem Quantencomputer leistungsfähig genug wären, um heutige kryptografische Verfahren – die mathematischen Schlösser vieler Blockchains, einschliesslich Bitcoin – praktisch zu knacken. Das bedeutet jedoch nicht das Ende der Blockchain, sondern macht quantensichere Verfahren notwendig. Das grösste Potenzial liegt daher im Zusammenspiel der Technologien und ihrer Wissensträger. Zugleich sollten sie nicht allein technisch gedacht werden. Ihr gesellschaftlicher Wert erschliesst sich erst im Zusammenspiel mit Wirtschafts-, Rechts-, Sozial- und Kommunikationswissenschaften sowie ethischen Perspektiven.

Die Studie zeigte auch deutlich, dass die Bevölkerung Innovation begrüsst, aber auch Leitplanken fordert. Wie kann die Politik beides unter einen Hut bringen?

Die Befragten befürworten klar, dass die Schweizer Politik bei KI, Blockchain und Quantencomputing die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit stärkt und technologische Innovationen fördert. Zugleich erwarten sie, dass Risiken ernst genommen und die Bevölkerung vor möglichen Gefahren geschützt wird. Damit formuliert die Bevölkerung einen doppelten Auftrag an die Politik: Technologieförderung im Interesse der Wirtschaft sowie Risikobegrenzung im Interesse der Gesellschaft. Das ist auch eine kommunikative Aufgabe. Die politische Auseinandersetzung mit Blockchain verlangt Nüchternheit statt Heilsversprechen oder Alarmismus. Glaubwürdig ist Politik dort, wo sie Chancen und Risiken gleichermassen benennt.

Sind Sie selbst von den neuen Technologien begeistert oder sind Sie skeptisch?

Mich faszinieren sowohl Künstliche Intelligenz als auch Blockchain. Generative KI-Systeme – allen voran ChatGPT – haben KI für viele Menschen erstmals greifbar gemacht. Das erklärt die hohen Bekanntheitswerte in unserer Studie. Zugleich hat generative KI viele Branchen, darunter die Medien- und Kommunikationsbranche, in ihren Grundfesten erschüttert. Eingespielte Routinen verlieren an Gültigkeit, die Anforderungen steigen. Gefragt ist weniger Regelwissen, sondern vielmehr durch Erfahrung geschultes Urteilsvermögen. Dieser rapide Wandel fasziniert mich – und verunsichert zugleich.

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