«Es wäre naiv zu glauben, dass ein Social-Media-Verbot alle Probleme löst»

Australien hat Social Media für unter 16-Jährige verboten. In Europa diskutieren Länder wie Spanien, Frankreich oder Grossbritannien ähnliche Regeln für Plattformen wie TikTok oder Instagram. Doch würde ein Verbot Jugendliche tatsächlich schützen? Mirjam Stieger und Marcel Zbinden vom HSLU-Podcast «Voll Psycho» erklären, weshalb die Studienlage überraschend unklar ist und warum Verbote allein kaum ausreichen werden.

Junge sitzt auf dem Boden mit angewinkelten Beinen und Handy in der Hand vor dem Gesicht

Mirjam Stieger, Marcel Zbinden, wie steht es um Ihre persönliche Social-Media-Nutzung?

Mirjam Stieger: Ich verbringe oft mehr Zeit auf diesen Plattformen, als ich eigentlich möchte, weshalb ich immer wieder bewusst versuche, gegenzusteuern, um mehr Raum für andere Dinge zu haben. Dafür habe ich für mich gewisse Strategien eingeführt, wie zum Beispiel das Ausschalten von Push-Benachrichtigungen. Auch verzichte ich ganz bewusst auf TikTok.

Marcel Zbinden: Ich war ehrlich gesagt nie ein «Heavy User» von Social Media. Instagram war für mich einst ein gutes Tool für Reisevorbereitung, Vernetzung mit anderen reisenden Familien und Reisefotos. Heute nutze ich es aber nur noch selten. Als Konsumentenpsychologe lud ich mir aus Interesse Snapchat und Tik Tok herunter. Da ich aber wie Mirjam überall die Push-Benachrichtigungen ausgeschaltet habe, gibt es auch keine regelmässigen Stupser, die mich auf die Plattformen locken. Am häufigsten nutze ich LinkedIn, um mich über die beruflichen Wege meine ehemaligen und aktuellen Studierenden zu informieren.

Was macht Social Media für Jugendliche so gefährlich, dass verschiedenste Länder derzeit über ein Verbot für unter 16-Jährige diskutieren – oder wie Australien – bereits eingeführt haben?

Zbinden: Die Jugend ist eine der sensibelsten Entwicklungsphasen. In diesem Alter nabeln wir uns von den Eltern ab, suchen unseren Platz in der Welt und möchten gleichzeitig dazugehören. In den sozialen Netzwerken sind Jugendliche einem System der permanenten Bewertung ausgesetzt: Likes, Kommentare und Vergleichsdruck sind allgegenwärtig; dazu kommt die Gefahr von Cybermobbing. Mehrere Stunden am Tag und teils auch die Nächte werden «durchgescrollt und -geswiped», was zu Schlafmangel und Konzentrationsschwierigkeiten führt. Besonders für vulnerable Jugendliche kann dies alles eine massive Belastung sein.

Was versteht die Psychologie unter vulnerablen Jugendlichen?

Zbinden: Damit werden Jugendliche beschrieben, die ohnehin anfälliger für psychische Erkrankungen sind, etwa für Depressionen, Ängste oder Suchtverhalten. Für sie können Social-Media-Plattformen problematische Dynamiken verstärken.

Stieger: Egal ob vulnerabel oder nicht: Für Social Media benötigen junge Menschen Kompetenzen, die sich in diesem Alter noch in Entwicklung befinden wie die Selbstregulation, den Umgang mit sozialen Vergleichen oder die Konfliktfähigkeit. Neuropsychologisch wissen wir, dass insbesondere der präfrontale Kortex, die Hirnregion, welche für die Impulskontrolle und Emotionsregulation wichtig ist, sich bis ins junge Erwachsenenalter weiterentwickelt. Deshalb sind diese Anforderungen selbst für viele Erwachsene anspruchsvoll.

Zeigt die Forschungslage demnach klar auf, dass Social Media auf die psychische Gesundheit von Jugendlichen negative Auswirkungen hat?

Stieger: Es gibt sehr viele Studien zu diesem Zusammenhang, die jedoch zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Einige zeigen zwar, dass eine intensive Nutzung mit höheren Depressions- oder Angstwerten zusammenhängt, aber die Effekte sind oft klein und hängen stark davon ab, wie Social Media genutzt wird. Und ein ganz zentrales Problem ist, dass viele Studien nur Momentaufnahmen sind. Damit lässt sich nicht klären, was Ursache und was Wirkung ist. Also ob Social Media belastet oder ob eher Jugendliche, die bereits belastet sind, Social Media stärker nutzen. Um das besser zu verstehen, bräuchten wir Studien, die Jugendliche über längere Zeit begleiten und diese Veränderungen gezielt experimentell untersuchen. Australien kann uns hierfür hoffentlich künftig wichtige Hinweise liefern.

Die Skepsis der Bevölkerung gegenüber Social Media ist derweil sehr hoch. Wie erklären Sie sich das?

Zbinden: Die öffentliche Wahrnehmung ist oft klarer als die Wissenschaft. Wenn einzelne dramatische Fälle von Cybermobbing oder sogar Suizid medial stark präsent sind, prägt dies die Meinung. Viel sehen zudem eine zeitliche Parallele: Die Nutzung sozialer Medien ist stark gestiegen und gleichzeitig nehmen psychische Belastungen bei Jugendlichen zu. Das wirkt intuitiv wie ein Zusammenhang. Laut einer Sotomo-Umfrage befürwortet hierzulande ein Grossteil der Bevölkerung ein Social-Media-Verbot. Aber: Nur weil uns bis dato konkrete Daten fehlen, heisst das nicht, dass alles unproblematisch ist. Vergleichsdruck oder Cybermobbing bleiben reale Risiken.

Stieger: Und wir dürfen auch die sogenannten Opportunitätskosten nicht vergessen: Zeit, die mit Scrollen und Posten verbracht wird, fehlt für andere Aktivitäten, wie Bewegung, Musik oder einfach ausreichend Schlaf – Dinge, von denen wir wissen, dass sie für die psychische Gesundheit wichtig sind.

Gibt es auch positive Seiten von Social Media für Jugendliche?

Stieger: Ja, die gibt es ganz klar. Social Media kann Freundschaften stärken und Jugendlichen das Gefühl geben, verbunden und akzeptiert zu sein. Gerade in der Phase der Identitätsfindung kann es hilfreich sein, Gleichgesinnte zu finden. Das gilt besonders für Jugendliche aus marginalisierten Gruppen, etwa LGBTQIA+-Jugendliche oder junge Menschen mit seltenen Interessen oder Erkrankungen, die vielleicht im direkten Umfeld weniger Unterstützung erleben und wenig Austauschmöglichkeiten haben.

«Wenn wir einer ganzen Generation sagen, sie könne mit Social Media nicht umgehen, hat das Auswirkungen auf ihr Selbstbild.»

Marcel Zbinden, Wirtschaftspsychologe

Einige Länder setzen nun auf Altersbeschränkungen. Können solche Verbote überhaupt funktionieren?

Zbinden: Es gibt in der Psychologie das Phänomen der Reaktanz: Wenn Menschen das Gefühl haben, ihnen werde etwas verboten, steigt der Wunsch danach sogar. Ein Verbot ist dennoch nicht grundsätzlich falsch. Es wäre aber naiv zu glauben, dass damit alle Probleme gelöst wären.

Stieger: Für viele Eltern wäre ein Verbot ganz klar eine Entlastung. Es gäbe keine Diskussionen mehr darüber, was «der Jonathan und die Mia aus der gleichen Klasse oder der Nachbarschaft alles dürfen». Wir müssen aber davon ausgehen, dass Jugendliche solche Verbote teilweise umgehen würden, etwa über falsche Altersangaben, Zweitaccounts oder den Zugang über ältere Peers. Wenn die Nutzung durch ein Verbot in den privaten, schwer einsehbaren Bereich verlagert wird, kann das die Begleitung durch Erwachsene sogar erschweren.

Welche Argumente sprechen sonst noch gegen ein pauschales Verbot?

Stieger: Ein wichtiger Punkt ist das sogenannte «Fear of Missing Out», also die Angst, etwas zu verpassen. Wenn Jugendliche sehen, dass andere die Regeln umgehen und weiterhin online sind, kann das zusätzlichen sozialen Druck erzeugen und paradoxerweise genau jene Dynamiken verstärken, die man eigentlich reduzieren möchte.

Zbinden: Und es besteht die Gefahr einer Stigmatisierung. Wenn wir einer ganzen Generation sagen, sie könne mit dieser Technologie nicht umgehen, hat das ebenfalls Auswirkungen auf ihr Selbstbild.

«Jugendliche benötigen für Social Media Kompetenzen, die selbst für viele Erwachsene schwierig sind.»

Mirjam Stieger, Wirtschaftspsychologin

Ein grosser Teil der Kritik richtet sich gegen das Design der Plattformen. Wie schätzen Sie das ein?

Stieger: Diese Unternehmen verdienen ihr Geld damit, dass wir möglichst viel Zeit auf den Plattformen verbringen. Deshalb sind viele Funktionen darauf ausgerichtet, Nutzerinnen und Nutzer auf der Plattform zu halten. Die Plattformen haben also keinen Anreiz, die Designs freiwillig anzupassen.

Zbinden: Dabei wären rein technisch vieles möglich: keine Push-Benachrichtigungen, kein automatisches Wiedergeben von Videos, kein unendliches Scrollen. Aber solche Schritte müssen politisch eingefordert werden, sprich über Regulierung.

Sie haben es bereits angetönt: Viele Eltern berichten, dass Regeln im Alltag schwer durchzusetzen sind. Haben Sie Tipps, wie es einfacher gelingen kann?

Zbinden: Am besten funktionieren nicht möglichst viele Regeln, sondern wenige, klare und konsequente. Hilfreich sind feste handyfreie Zeiten und Orte, zum Beispiel kein Handy am Esstisch und keines im Schlafzimmer. Wichtig ist auch, die Nutzung nicht primär über Motivationsanreize wie Belohnungen zu steuern, sondern technisch: Push-Benachrichtigungen aus, feste Bildschirmzeiten, Ladestation ausserhalb des Zimmers. Und am wirksamsten ist es, wenn Eltern das selbst vorleben.

Da sind wir bei einem kontroversen Punkt angelangt: Wer trägt Ihrer Meinung nach die Hauptverantwortung für einen gesunden Umgang mit den sozialen Medien?

Zbinden: Das ist ein Thema, das ganzheitlich angegangen werden muss. Eltern, Schulen, Politik und die Plattformen, die alle sind entscheidende Faktoren. Momentan wird die Verantwortung aber oft hin- und hergeschoben: Schulen sehen sie bei den Eltern, Eltern bei der Schule oder bei den Plattformen. Die Entwicklung der digitalen Technologien der letzten Jahre war extrem schnell – vielleicht schneller, als unsere Gesellschaft damit umgehen konnte. Viele Eltern fühlen sich unsicher, weil sie selbst nicht mit diesen Plattformen aufgewachsen sind.

Stieger: Deshalb braucht es neben Designanpassungen und Regulierungen auch mehr Medienkompetenz, und zwar für Kinder und Erwachsene gleichermassen. Social Media wird nicht verschwinden. Deshalb müssen wir als Individuen und als Gesellschaft lernen, verantwortungsvoll damit umzugehen. Verbote können vielleicht ein Teil der Lösung sein, aber sicher nicht der einzige.

«Voll Psycho» – der Psychologie-Podcast der HSLU

Podcast Voll Psycho
Die beiden Business Psychology-Dozenten Mirjam Stieger und Marcel Zbinden sprechen alle zwei Wochen im Podcast «Voll Psycho» über psychologische Alltagsphänomene, die uns alle betreffen – wissenschaftlich fundiert, spannend erklärt und mit einer Portion Humor. Die Vor- und Nachteile eines Social-Media-Verbots für Jugendlich unter 16 Jahren besprechen die beiden ausführlich in Folge 12. Zu hören auf Spotify oder anderen gängigen Podcast-Plattformen.

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