Wenn die Stadt verschwimmt

Baustellen, Blechlawinen und Menschenmassen: Für viele lästig, für manche aber eine Tortur. Das Projekt «Achtung Barriere!» zeigt, wie sich die Stadt für Menschen mit unsichtbaren Behinderungen wie Autismus oder einer Sehschwäche anfühlt – und welche Lehren die Stadtplanung daraus ziehen kann.

Verschwommenes Bild von einer Strasse in der Stadt

Wenn Petra Groth durch die Stadt gehen muss, trägt sie lärmdämpfende Kopfhörer und eine Mütze mit Schirmdach. Beides hält Reize von ihr fern, die sonst für sie als autistische Person zu überwältigend wären. Für die meisten Menschen ist es schwer vorstellbar, wie sich laute, belebte Orte für autistische Personen anfühlen können: Wenn sich viele Menschen in alle Richtungen bewegen, verliert Petra Groth die Orientierung, laute Geräusche empfindet sie wie einen Angriff auf ihr Nervensystem. Ihr Körper reagiert mit einem gefährlichen Fluchtinstinkt, der auch schon dazu führte, dass sie geradewegs auf eine befahrene Strasse rannte.

Petra Groth beschreibt einer Frau, wie sich Orte in der Stadt anfühlen
Petra Groth (rechts) beschreibt auf einem Spaziergang, wie sich Orte in der Stadt für sie anfühlen.

Mixed Reality für einen Perspektivenwechsel

Im Projekt «Achtung Barriere!» haben das Recherchekollektiv Correctiv.Schweiz und die Hochschule Luzern mit der Medienpartnerin zentralplus.ch danach gefragt, wie auf den ersten Blick unsichtbare Behinderungen in der Stadtplanung mehr Beachtung finden können – zum Beispiel Autismus oder altersbedingte Mehrfachbehinderungen. Eine wichtige Dialogpartnerin von Seiten der Verwaltung war auch die Stadt Luzern.

Unsichtbares sichtbar machen

Die Aufgabe der HSLU war es, die Wirkungen dieser Behinderungen nachvollziehbar zu machen. Der Designforscher Tobias Matter ist auf Augmented und Mixed-Reality-Anwendungen spezialisiert, also auf hybride Erlebnisse. Im Projekt «Achtung Barriere» ging es zum Beispiel darum, virtuelle Elemente wie das «Verschwimmen» der Baustelle mit der echten Umgebung zu verschmelzen.

Im Rahmen dieses von der Gebert Rüf Stiftung finanzierten Projekts entwickelte er mit seinem Team einen virtuellen Stadtrundgang durch Luzern. Dabei ging es nicht um touristische Highlights, sondern um die Orte, die für Menschen mit unsichtbaren Behinderungen eine grosse Herausforderung darstellen. Entstanden sind eine webbasierte Anwendung, die mit dem eigenen Smartphone genutzt werden kann, und eine Mixed-Reality-Version, für die es eine entsprechende Brille braucht.

Eintauchen statt erklären

Beide Anwendungen machen erlebbar, wie schwierig es zum Beispiel für eine sehbehinderte Person ist, eine Strasse zu überqueren, und wie viel Stress entsteht, wenn eine autistische Person einen Platz mit einer Baustelle überqueren muss – das Bild wird unscharf, die Geräusche überlaut; wo vorher ein klarer Weg sichtbar war, sind jetzt nur noch verschwommene Farbtupfer erkennbar.

Stadtspaziergänge der besonderen Art

Am Anfang des Projekts standen Stadtspaziergänge mit Betroffenen. Petra Groth hat daran teilgenommen und ihre Erfahrung so gut es ging beschrieben. Tobias Matter und sein Team machten sich anschliessend daran, ihre und zahlreiche weitere Rückmeldungen mit Hilfe von Mixed Reality umzusetzen, so dass das Erlebnis den Beschreibungen möglichst nahekam.

Die Anwendung nutzen sie zum Beispiel bei Veranstaltungen zur Stadtplanung oder Dialogsveranstaltungen zum Thema «Menschen mit Behinderungen». Bereits haben andere Städte und Kantone Interesse angemeldet. Auch das Eidgenössische Departement des Innern war von den Resultaten überzeugt. Es wird das Folgeprojekt «Gemeinsam Barrieren erkennen, Wandel ermöglichen» finanziell unterstützen.

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